Tour de France Gruppetto Tour de France Gruppetto

Tour de France

Tour de France Gruppetto

Andreas Kublik am 13.12.2016

Wenn es in die Berge geht, werden aus vielen Konkurrenten Verbündete: Die Schwächeren des Pelotons treffen sich im Gruppetto. Ein Tag bei den Nachzüglern der Tour de France.

Es ist ein ruhiger Moment. Keiner spricht. Risto, der Mechaniker, montiert das Rennrad auf den Dachträger des zweiten Team-Autos von Bora-Argon 18. Christian Pömer, der Mann am Steuer, stellt die Klima­anlage ab. Dann steigt Sam Bennett ein. Aus, vorbei – das Tour-Debüt des 24-jährigen Sprinters aus Irland endet auf der 17. Etappe nach rund 30 Kilometern. Pömer fährt gleich wieder los, im Auto bleibt es still. Minutenlang. ­Pömer beschleunigt, die Reifen quietschen, der Ford jagt am Besenwagen vorbei nach vorne. Bei der Tour bleibt nicht viel Zeit, sich um die Abgehängten zu kümmern. Das Rennen hat den Debütanten gründlich zugerichtet. Als die erste Alpenetappe kurz nach dem Start mit einer Serie von Attacken beginnt – selbst Chris Froome wird später von einem harten Start sprechen –, gerät das einzige Ziel für den seit Tagen entkräfteten Bennett schnell außer Reichweite: Die Schicksalsgemeinschaft der Abgehängten zu erreichen, um gemeinsam den Kampf gegen das Zeitlimit zu bestehen, mit Arbeitsteilung, ein bisschen Hilfe von außen und mit Kopfrechnen. Aussichtslos. Denn ins Gruppetto muss man es erst mal schaffen, auch hinten im Rennen wird schnell gefahren. Mechaniker Risto sieht vom Rücksitz des Autos immer wieder Rennfahrer zurückfallen. "Das wird eine Killer-Etappe", mutmaßt er. Kurz darauf entfährt Pömer ein Fluch. Der nächste Mann im Bora-Trikot taucht vor der Autokolonne auf: Paul Voss. Pömer tritt das Gaspedal ins Bodenblech, der Motor heult auf. "Du willst mir Angst machen", ruft Bennett vom Rücksitz, schleudert ebenso wie der neben ihm sitzende Mechaniker in den Kurven von rechts nach links, nach rechts. Die Reifen quietschen wieder. "Und ich dachte, ich hätte in einem Massensprint Stress", schiebt Bennett nach. Er ist noch nie bei der Tour im Auto mitgefahren. "Das habe ich für dich schon mehr als einmal bei dieser Tour gemacht", entgegnet Pömer. 
Hinter den Rennfahrern findet ein Autorennen statt. Es geht ums Überleben in der Tour. Und Pömer ist so etwas wie der Lebensretter. Mit der freien Hand zieht er das Mikro für den Teamfunk zu sich. Voss bekommt klare Anweisungen: "Essen und trinken!", "investier’ nicht zu viel bergab, damit du Kraft hast, im Flachen in die Autokolonne zu kommen." Schnell wird klar, warum Pömer derart nach vorne rast. Er reicht eine Flasche aus dem Fenster, Voss greift zu und will gar nicht mehr loslassen. "Klebrige Flasche", heißt das im Jargon. Voss kann ein paar Pedaltritte locker lassen, aber weil meist ein Kommissär auf einem Motorrad um die Abgehängten kreist, dauert die Erleichterung nur ­Sekunden.

Christian Pömer

Umsichtiger Chef, präziser Rechner: Christian Pömer

NÜCHTERNE ANALYSE 

Wenig später knattert der Streckenfunk der Tour: "Tejay van Garderen abgehängt!" Es geht leicht bergauf, vielleicht 40 Kilometer sind gefahren. Aber der US-Profi, nach zweieinhalb Tour-Wochen auf Gesamt­rang drei, findet nach dem Ruhetag nicht den Tritt. Pömer zieht vorbei, van Garderens Helfer klemmen sich in den Windschatten des Autos, der Bora-Mann geht leicht vom Gas, kurz darauf zieht das BMC-Trio vorbei. "Thank you", ruft Damiano Caruso ins geöffnete Autofenster. Es wird klar: Ganz hinten gibt es keinen Kampf mehr, dort werden teamübergreifende Allianzen geschmiedet. An Tagen wie diesem zerfällt das Fahrerfeld in viele kleine Gruppen – aber jedes Team hat nur zwei Begleitautos im Rennen, es reicht nicht immer, um sich um alle eigenen Fahrer zu kümmern. So versorgt die Bora-Besatzung die Männer von MTN-Qhubeka, so wie sich das Trek-Team auch um Pömers Sorgenkinder kümmert. Währenddessen stoppt Pömer am Streckenrand und überlässt Bennett den Teampflegern, die ihn zum Hotel fahren. 
"Keine Chance", sagt Pömer, als Bennett aus dem Auto ist. Es sei eigentlich klar gewesen, dass der 24-jährige Ire derart entkräftet nicht mehr über die Alpen nach Paris kommen würde. Der Sportliche Leiter hatte es ausgerechnet: Bis zum Fuß des 2.200 Meter hohen Col d’Allos hätte Bennett im Hauptfeld bleiben müssen, um rechtzeitig das Ziel zu erreichen. Doch schon weit davor steht auch van Garderen am Straßenrand, mit gesenktem Haupt, die Besatzung des BMC-Autos klopft ihm tröstend auf die Schulter. "Bei der Tour um einen Podestplatz zu kämpfen und dann im nächsten Moment im Auto ­sitzen zu müssen, ist sehr bitter", sagt van Garderen abends. Pömer fährt vorbei, er hat andere Sorgen. Vorbei am abgehängten Sprintstar Mark Cavendish, der sich kurz in den Windschatten des Bora-Autos hängt, vorbei am Weltmeister Michal Kwiatkowski, vorbei am Klettertalent Louis Meintjes. Der Portugiese José Mendes ist Pömers nächstes Sorgenkind – auch er tritt nicht wirklich leichtfüßig. Der dritte Abgehängte im Bora-Trikot ist Bartosz Huzarski; auf dem nächsten Flachstück wollen sie gemeinsam zurück ins Hauptfeld. Tatsächlich tauchen plötzlich Alejandro Valverde und Alberto Contador vor dem Bora-Wagen auf – man ist wieder in den besseren Kreisen der Tour, im Hauptfeld, das gerade eine Spitzengruppe hat ziehen lassen und nun zur Pinkelpause an den Straßenrand fährt. Kurz durchatmen.

Wenig später machen Froome & Co ernst und verschwinden außer Sichtweite. Voss fährt jetzt wieder öfter an Pömers ­Seite, er braucht viele Flaschen – sie geben ihm ein bisschen Halt an diesem schweren Tag. Kurz vor der Passhöhe kurbelt Cavendish mit seinen Helfern am Bora-Auto vorbei. Beim Blick zurück sieht Pömer viele Kehren weiter unten den Besenwagen. Ein Fahrer von MTN-Qhubeka kämpft dort einsam. "Davor hat man Angst", sagt Voss später: abgehängt zu sein, verlassen von allen Helfern, ohne Teamfahrzeug.

WENN DIE ZEIT LÄUFT

Dann geht es in die Schussfahrt vom Col d’Allos. Das Gruppetto muss oft verlorene Zeit gutmachen – nicht selten, dass die ­Abgehängten bergab schneller sind als die Spitze. "Normalerweise wird sehr schnell gefahren. Aber weil wir wussten, dass wir in der Karenzzeit sind und die Abfahrt ­extrem gefährlich ist, wollte niemand überziehen", berichtet Voss später. Dennoch quietschen die Reifen von Pömers Auto, ein Rennfahrer schießt zwischen Fahrzeug und Felswand vorbei.
Pömer ist dabei erstaunlich entspannt. Wie jeden Abend hat er sich vor der Etappe Roadbook und Reglement angesehen und genau notiert, wie viel Prozent Verspätung auf den Sieger der Letzte haben darf – das ist je nach Schwierigkeitsgrad der Etappe und dem Tempo des Tagesschnellsten unterschiedlich. "Geschke hat gewonnen", heißt es über Radio Tour. ­Pömer guckt erst einmal nur auf die Uhr. Die Zeit läuft ab jetzt gegen das Gruppetto. 40 Minuten für die elf Kilometer bis ins Ziel, davon sechs Kilometer Schlussanstieg bis ins Ziel – das ist locker zu schaffen, weiß Pömer. Dann nimmt er das Mikro: "Paul, Simon Geschke hat gewonnen." Sonst bedeutet die Siegermeldung für die Männer im Gruppetto nur: Ab jetzt tickt die Uhr. Heute soll die Nachricht vom Triumph des Kumpels beim zweiten deutschen Team Giant-Alpecin den Bora-Fahrern Beine machen. 29:54 Minuten stehen schließlich im Ergebnis als Rückstand für das fast 50 Mann starke Gruppetto. Pömer reißt die Seiten der 17. Etappe aus dem Roadbook. Noch drei schwere Alpenetappen. Dreimal Raserei für ihn, dreimal Leiden für viele Fahrer. 

Andreas Kublik am 13.12.2016
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