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Radsport in Düsseldorf

TOUR 11/2016: Aufbruchstimmung

Andreas Kublik am 08.02.2017

Düsseldorf fiebert auf den Start der Tour de France 2017 hin. Der große Radsporttag "Auf der Spur der Tour" mit 13 Rennen war eine Generalprobe – die Stadt und die Radfahrer wollen gemeinsam viel erreichen

Tunnelblick

Tunnelblick
Mit dem Race am Rhein tauchten die Radsportler in Düsseldorf aus der Versenkung auf

Es ist spät geworden an diesem September-Sonntag. Die Sonne wirft bereits weiches Licht auf die Häuserfassaden. Und die goldene Herbststimmung lässt Düsseldorfs beste Lage noch edler erscheinen. Hier auf der Königsallee, der berühmten "Kö", liegen die Boutiquen der großen Designer und Juweliere Tür an Tür. Cartier, Joop, Versace, Dior, Tiffany. Der Straßenzug ist der Stolz der Stadt. Und ein letztes Biotop des Radsports. Zum 47. Mal haben die Radsportler soeben beim Rennen Rund um die Kö ihre Kreise über den Stadtgraben gezogen – westseitig die Kö raus, ostseitig runter, das Ziel des Bundesligarennens liegt direkt vor der Auslage von Cartier. Am Ende ein rasender Sprint, um die letzten Punkte im letzten Rennen, mit dem der Radsport seinen bisher größten Auftritt in der Geschichte der Stadt hatte. "Auf der Spur der Tour" – so hieß der erste große Radsporttag der Stadt – nicht weniger als 13 Radrennen für alle Alters- und Leistungsklassen gingen vom Morgen bis zum Sonnenuntergang über die Bühne. "Dieser Tag war eine Bereicherung für Düsseldorf", urteilt Sascha Grünewald am Ende. Der Organisator von Rund um die Kö ist sicher befangen, wenn es um den Radsport und seine Bedeutung in der Stadt geht. Aber das traditionsreiche Kriterium im Stadtzentrum wirkte in den vergangenen Jahren mitunter verloren: als letztes Radrennen der Stadt, die einst ein knappes Dutzend Termine im Radsportkalender hatte.

Voll Porno!

Voll Porno!
Das Pink des Team Porno al Forno war am Renntag nicht zu übersehen


Deshalb war Grünewald, Vorsitzender des Radsportvereins SG Radschläger Düsseldorf, auch bereit, den traditionellen Termin Anfang Mai aufzugeben und das Rennen auf Mitte September zu verlegen. Wenn auch mit bangem Blick auf die mächtigen Platanen an der Kö, denn rutschiges Laub auf dem Asphalt hätte die Rundenhatz zum Vabanque-Spiel gemacht. "Meine Angst, dass es ein Laubmeer gibt, hat sich jedoch nicht bestätigt", sagt Grünewald – die Bäume behielten ihre Blätterkleid zur Feier des Tages an. Gut so, schließlich diente alles einer großen Sache.

Aufwärmübung

Aufwärmübung
Die Fans probten am Rande des Race am Rhein die Tour-Stimmung

Begeisterung und Kritik

Denn dieser Septembertag war nur die Generalprobe dafür, was in Düsseldorf in Sachen Radsport möglich sein soll, wenn am 1. und 2. Juli 2017 die Tour de France aus der 600.000-Einwohner-Stadt starten wird. Aus einer Stadt, die manchmal selbst mit sich und ihrem Image hadert. Und in der Radsport – anders als rheinaufwärts in Köln – immer ein bisschen ein Schattendasein fristete. Golf,  Tennis, Autofahren – das sei Düsseldorf, hört man bei Radsportlern gerne. Das soll sich ändern. Mithilfe der Tour de France, die dank ein paar glücklicher Umstände in die Stadt kommt.
Sven Teutenberg, der Ex-Profi aus Düsseldorf, arbeitet schon lange an seinem Lebenstraum, das größte Radrennen der Welt in seine Heimatstadt zu holen – 2005  gab es unter dem mittlerweile verstorbenen Oberbürgermeister Joachim Erwin (CDU) einen ersten Anlauf. Vergeblich. Dann sagte London im Herbst 2015 wegen der zu erwartenden Kosten als Gastgeber für den Grand Départ 2017 –  wie das Paket aus den ersten Tour-Etappen heißt – kurzfristig ab. Ein Anruf von Christian Prudhomme bei Teutenberg, ein schnelles Gespräch in der Tour-Zentrale, und wenige Wochen später stand der nötige Ratsbeschluss in Düsseldorf. "Die Tour kommt in die Stadt", jubelte nicht nur die Düsseldorfer Partyband Porno al Forno in ihrem eigens für den Anlass komponierten Song "Kette rechts!".
Drei Tage nach dem ersten ganz großen Auftritt des Radsports in seiner Stadt sitzt Oberbürgermeister Thomas Geisel in seinem Büro im Rathaus, mit Blick auf das große Banner für den "Grand Départ 2017" auf dem Marktplatz und nimmt sich vor dem Abflug in die Partnerstadt Moskau die Zeit, über seine Stadt, die Tour und das Fahrrad zu sprechen. Das Projekt ist ihm wichtig. So wichtig, dass Kritiker ihm sogar vorwerfen, die Entscheidung für die Tour sei ein Alleingang gewesen.
Der SPD-Politiker lebt die Begeisterung am Radsport: "Es war ein tolles Erlebnis, einmal mit richtig tollen Radfahrern auf autofreien Straßen durch Düsseldorf und Umgebung  zu fahren", meint der OB – nicht ohne Stolz erwähnt er den 34er-Schnitt, den er auf der 46-Kilometer-Distanz beim Race am Rhein, seinem ersten Radrennen hingelegt hat. Teutenberg hatte gleich nach der Wahl 2014 das Gefühl, dass Geisel, ein passionierter Marathonläufer, der richtige Mann sein könnte, um der Tour-Bewerbung Rückenwind zu verleihen. "Das Schöne am Radsport ist ja, dass man richtig Strecke machen kann", findet Geisel. Jetzt muss er mit seiner Begeisterung nur die Mehrheit seiner Bürger anstecken, von denen einige reichlich verstimmt waren, weil rund 200 Autos abgeschleppt, Stadtviertel vom Verkehr abgetrennt werden mussten.

Radsport für alle Klassen

Überzeugend

Überzeugend
Oberbürgermeister Thomas Geisel will seine Stadt fahrradfreundlich gestalten

Vielleicht war alles doch etwas viel für den Anfang, findet das Stadtoberhaupt – aber man wollte ja auch Erfahrungen sammeln. Los ging’s morgens mit dem ersten Bundesliga-Rennen mit Deutschlands besten Nachwuchstalenten, mittags gingen rund 3.500 Hobbyradsportler auf die zwei Strecken des Jedermann-Rennens, während sich den ganzen Tag über auf der Kö nacheinander Kinder, Fixie-Fahrer, Derny­Spezialisten, Elite-Frauen und Top-Amateure messen konnten.
Das Jedermann-Rennen Race am Rhein, das den Verkehr in weiten Teilen Düsseldorfs und der Umgebung lahm­legte, war eine Testfahrt für den Streckenverlauf der zweiten Etappe der Tour de France 2017. Schon nach wenigen Kilometern ging es bergauf zur Galopprennbahn, dort oben wird es im nächsten Jahr die ersten Punkte fürs Tour-Bergtrikot geben, die besten Jedermänner brauchten beim Test rund zweieinhalb Minuten für den Anstieg. Die Radprofis Christian Knees (Team Sky) und Nikias Arndt (Team Giant-Alpecin) fuhren im ersten Startblock mit  und staunten über das Tempo, das die Hobbyradsportler vorlegten. Der Rheinbacher Knees ist gerne zur Promo­Tour gekommen: "Wir hoffen, dass es Signalwirkung für den Radsport in Deutschland hat – gerade für den Nachwuchs", sagt der Sky-Profi.
Es war tatsächlich ein Tag, an dem Radsport zu den Menschen kam und nicht umgekehrt. Birgit Bolduan hat seit Jahren darüber nachgedacht, einmal ein Radrennen zu fahren. Die Triathletin aus dem benachbarten Hilden sitzt seit 20 Jahren regelmäßig auf dem Rennrad, ist schon viele Alpenpässe gefahren, Jahresleistung um die 8.000 Kilometer. Aber vor der Teilnahme an einem Rennen hatte sie stets großen Respekt. "Man hat so viel von Stürzen gehört. Ich hatte Schiss", erinnert sie sich an ihre Vorbehalte. Dann las sie von der Premiere des Race am Rhein in der Zeitung. Der erste Start war schnell beschlossene Sache – näher konnte keine Gelegenheit mehr kommen. Und ihre Bedenken sind nach der Premiere wie weggewischt. "Ich bin infiziert", sagt sie – und zwar vom Radsportfieber. Sie hat sich gleich fürs nächste Rennen angemeldet – wenige Wochen danach, auf Rügen.
Und Birgit Bolduan ist nicht die einzige, die es jetzt gepackt hat. Porno al Forno, die Düsseldorfer Partyband, sieht den nahenden Tour-Start als Chance – für den Radsport, aber natürlich auch für die eigene Vermarktung. Als im vergangenen Frühjahr manifest wurde, dass Düsseldorf im Herbst erstmals ein großes Jedermann-Rennen durch die Stadt leiten will, hatten Frontmann Greg Gardena und seine Kumpane gleich eine zündende Idee: "Wär’ doch cool, wenn wir da ein eigenes Radteam machen", erzählt er. Per Facebook und beim Auftritt auf der Düsseldorfer Kirmes warben sie um Teammitglieder, schnell hatten sich knapp 40 Frauen und Männer beworben und fuhren als Team Porno al Forno durch die Stadt – ganz in Pink.
"Wir sind verschrien als schrill-schräg – und immer ein bisschen daneben", sagt Gardena. Nachdem der Sänger nach dem allerersten Radrennen seines Lebens durchgeschnauft und sein Carbonrad durch die Zielgasse geschoben hat, versucht er wieder Puste zu bekommen für den musikalischen Auftritt auf der Bühne in der Steinstraße. "Das Coole war, dass wir die verschiedensten Leute zusammengewürfelt haben – ganz gemischt, mit Typen, die noch nie auf dem Rennrad gesessen haben. Das hat uns echt geflasht", sagt er. Sex, Drugs und Rock’n’Roll? Von wegen! "Job, Familie, Musik, 2.000 Jahreskilometer" – das ist der Lifestyle des Frontmannes von Porno al Forno, und er betont: "Ich bin noch der Ambitionierteste bei uns." Seinem Kumpel Armin Mosandl hat er eines seiner Rennräder geliehen, damit er sich für das Race am Rhein fit machen konnte. Nach der ersten gemeinsamen 75-Kilometer-Ausfahrt Ende August haben sie ihn kaum vom Rad gekriegt, so fertig war er. Im Ziel berichtet er von einem "unheimlichen tollen Gefühl" und hofft, er darf die Leihgabe noch ein bisschen behalten. Der 50-jährige Vertriebsingenieur hat jetzt nämlich nur ein Problem: "Ich muss mit der Familie reden: Es muss ein Rennrad her." Spätestens an Weihnachten.

Radsport als Subkultur

Abgefahren

Abgefahren
Die mehrspurige Berliner Allee bot den Radsportlern freie Fahrt

Dass dieser große Radsporttag in Düsseldorf die unterschiedlichsten Menschen angezogen hat, fällt gleich auf. Da gibt es keine Berührungsängste: Glatte, definierte Waden posieren neben dichtem Beinhaar, enganliegende Radtrikots ­neben weiten Oberteilen, die wohl in den 1980er-Jahren über die Ladentheke gingen. Routinierte Rennfahrer neben Debütanten – so stehen sie in den Startblöcken des Jedermann-Rennens.
Am Abend zuvor gab’s den bunten Radsportmix auch beim Warm-Up im Szeneladen "Schicke Mütze" zu sehen. Der Ladenbesitzer Carsten  Wien ist ein Überlebender der früheren Punkszene im Ratinger Hof – Kraftwerk, Fehlfarben, die Toten Hosen und DAF sind dort gesichtet worden. Wenn Carsten Wien zu Freibier und 200-Meter-Rollen-Rennen ruft, kommen sie: die Fixie-Freaks aus Dortmund, das alte Düsseldorfer Radsport-Urgestein Dino Gerst mit seinem Papa, der einstige Bahn-Weltmeister Andreas Bach aus Erfurt, Strava-Jünger, die sich ihre neuen Bestmarken zurufen, Langmähnige und Bärtige, Rasierte und Unrasierte – alle strampeln sich für ein paar Sekunden auf der Rolle die Lunge aus dem Leib, bevor es noch ein Uerige­Altbier vom Fass gibt. Radsport ist jetzt anerkannter Teil der coolen Subkultur der Stadt.
Das ist ja die Idee der Stadtverwaltung, von Teutenberg, Grünewald, den Leuten aus der Schicken Mütze: die Menschen für den Radsport und fürs Fahrrad zu begeistern. OB Geisel ist so etwas wie der Anführer dieser Bewegung, weil er aus der Autostadt Düsseldorf eine Fahrradstadt machen will – zumindest ein bisschen. Der Aktionsplan heißt "Radschlag Düsseldorf" – damit sich in Zukunft die Radfahrer ihren Platz an vielen Stellen der Stadt nicht mehr risikobereit zwischen Trambahngleisen und parkenden Autos erkämpfen müssen. An diesem Sonntag im September gehörte die Stadt erstmals ihnen.
Und damit der Radsport langfristig eine Zukunft hat, will Grünewald wieder mehr Kinder und Jugendliche begeistern. Schließlich soll es nicht so lange dauern, bis nach Sven Teutenberg und Ruben Zepunkte wieder ein Düsseldorfer Hoffnungsträger im Profiradsport heranwächst. Deshalb haben sie sich auch den Petit Départ ausgedacht: Drei beziehungsweise fünf Runden durften die Acht- bis Elfjährigen auf der Kö drehen. Selbst die Jüngsten bekamen bei der Premiere freie Fahrt auf der Kö und hinterher bei der Siegerehrung eine große Bühne. Die Jungen und Mädchen wirkten schüchtern. Die großen Sonnenblumen, die die Besten überreicht bekamen, waren in dem Moment weniger Trophäe als Versteck. Aber an die plötzliche Aufmerksamkeit für den Radsport und die Radsportler muss man sich eben erst gewöhnen.
"Die einhellige Meinung war: ein gelungener Tag für Düsseldorf", urteilte Harald Christ. Der Vertriebschef der Ergo-Versicherung hat nach eigenen Angaben privat 250.000 Euro locker gemacht für den Petit Départ. Und die ersten Eltern haben sich schon gemeldet, die ihre Kinder nach der ersten Testfahrt auf der Königsallee nun ins Probetraining schicken wollen. Der Clubbeitrag fürs erste Jahr soll spendiert werden, so der Plan. Das "Düsseldorfer Modell der Bewegungs-, Sport und ­Talentförderung" soll die Kinder der Stadt sportlich, oder noch sportlicher machen. An Grundschulen und in den 5. und 6. Klassen gibt es in den kommenden Monaten einen Radsport-Dreikampf aus Sprint-Test, Geschicklichkeitsparcours und Radrennen auf einer 400-Meter-Tartanbahn. Die Besten sollen im Vorpramm des Grand Départ im nächsten Jahr auftreten dürfen – wenn das keine Motivation ist ...

In Bestlage

In Bestlage
Rund um die Kö, zuletzt Düsseldorfs letztes Radrennen, bekommt wieder Rückenwind

Porno-Pink macht sich breit

Blumenkinder

Blumenkinder
Auch für die Jüngsten gab es eine große Siegerehrung

Aktuell ist Ruben Zepuntke das beste Beispiel der Radsportförderung. Er sucht gerade eine neues Team, sein Vertrag bei Cannondale-­Drapac läuft aus. Der Sohn der Düsseldorfer Bürgermeisterin Klaudia Zepuntke ist sich sicher: Dass er aus der Gastgeberstadt der nächsten Tour de France kommt, ist bei den Verhandlungen sicher nicht von Nachteil. Er will im nächsten Jahr auf die große Bühne – aus seiner Heimatstadt in die Tour starten.
Die neue Rennfahrergeneration habe sich das verdient, dass es wieder ein großes Heimspiel gibt, findet Sänger Greg Gardena. Er hat im vergangenen Mai den Sprintsieg von Marcel Kittel beim Giro d’Italia gesehen, beim Besuch der Italien-Rundfahrt in den nahen Niederlanden – und die Begeisterung, die das Radrennen dort ausgelöst hat. "Wenn sich das auf das nette Rheinland übertragen lässt, wird das hier ein Riesenevent", glaubt er.
Es wird gerade dunkel in Düsseldorf – nach dem langen Radsporttag. Da brummen große Tieflader durch die Straßen im Zentrum, schwer beladen mit Absperrgittern. Dazwischen der gelbe Bus, Sitz der Wettkampf-Jury und des Streckensprechers für das Rennen  an der Kö. Die große Radsport-Show zieht  erst mal weiter. Aber sie kommt wieder. An den ersten beiden Julitagen 2017. Und wenn dann am 2. Juli, auch ein Sonntag, der Veranstalter der Tour de France mit seiner gesamten Equipage die Stadt am Rhein wieder verlässt, soll das Spuren hinterlassen. Dann soll Düsseldorf eine Stadt für die Radfahrer, für den Radsport sein. Oder wenigstens den ersten Schritt dorthin gemacht haben. Und nach diesem September-Sonntag, so hat man den Eindruck, will in Düsseldorf niemand mehr glauben, dass es anders sein könnte.


Anschieber

Anschieber
Sven Teutenberg, Tour-Finisher 2001, ist die treibende Kraft hinter Düsseldorfs Tour-bewerbung

Vorreiter

Vorreiter
OB Geisel als Radsportler (im weiß-roten Trikot), begleitet von Ina-Yoko Teutenberg

Die Tour de France 2017

Düsseldorf – und wie geht's weiter?

Wie verläuft die Frankreich-Rundfahrt ab 2. Juli 2017 von Düsseldorf nach Paris? Alle Infos rund um die Strecke und den Grand Départ bekommen Sie hier und hier.

Andreas Kublik am 08.02.2017
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