Peter Streng Peter Streng

Rücktritte beim Bund Deutscher Radfahrer

BDR-Präsidiumsmitglieder treten zurück

Tim Farin am 10.11.2016

Die bisherigen Präsidiumsmitglieder im Bund Deutscher Radfahrer, Peter Streng und Manfred Schwarz, sind von ihren Ämtern zurückgetreten. Aktualisierte Fassung: Die Chronologie der Vorgänge

Die Rücktritte der beiden Funktionäre sind eine Folge des Streits um rechtspopulistische und fremdenfeindliche Veröffentlichungen insbesondere von Peter Streng. Die verbandsinterne und öffentliche Diskussion weitete sich in der Folge auch auf den Vizepräsidenten Manfred Schwarz aus. Als Konsequenz aus ihrer umstrittenen Vermischung von Sportamt und politischem Meinungskampf sind die bisherigen Präsidiumsmitglieder nun von ihren Ämtern zurückgetreten. Das erfuhr TOUR am heutigen Donnerstagmorgen von BDR-Präsident Rudolf Scharping.  

Über den bisherigen stellvertretenden Präsidenten des Verbands, Peter Streng, war im Oktober bekannt geworden, dass er auf Facebook umstrittene, teilweise offen fremdenfeindliche Positionen geteilt hatte. Der FC St. Pauli hatte dies auf der Seite seiner Radsportabteilung veröffentlicht. Daraufhin hatte der Radsportverband Hamburg auf seiner letzten Präsidiumssitzung Ende Oktober einstimmig den Antrag aus St. Pauli angenommen, Peter Streng beim BDR-Verbandsrat Ende November zum Rücktritt aufzufordern. Streng hatte dem Vernehmen nach sein Fehlverhalten eingesehen.

Seit Bekanntwerden dieser Vorwürfe recherchierte TOUR im Umfeld des Verbands, um die Reaktionen und Positionen des Präsidiums, der Landesverbände und einiger Vereine und Aktiver zu der Angelegenheit abzufragen – und stieß dabei auch auf zweifelhafte Praktiken des bislang für die Kommunikation zuständigen Vizepräsidenten Manfred Schwarz. Dieser hatte – von seiner privaten Mailadresse, aber an Empfänger aus dem Kontext seiner Verbandsarbeit – unter dem Betreff "Privat-persönlicher politischer Verteiler" Links zu Nachrichten verschickt, die sich selektiv etwa mit Kriminalität unter Ausländern befassten. Die Empfänger hatten nicht um die selektive Medienschau des Radfunktionärs gebeten.

TOUR hatte BDR-Präsident Scharping für die Dezember-Ausgabe dazu interviewt, und Scharping sagte gegenüber TOUR über Manfred Schwarz, ebenso wie über Peter Streng: "Hier gilt das Gleiche: keine Verquickung von einem Amt im Sport mit politischem Meinungskampf. Das ist abgestellt, seit einiger Zeit. Ich bin sicher, dass unsere Gremien das genauso sehen. Beide, Peter Streng und Manfred Schwarz, lassen ihre Ämter ruhen. Alles Weitere wird im Verbandsrat des BDR besprochen."

Ende vergangener Woche hatte sich Schwarz dann in einer persönlichen Erklärung gegenüber TOUR anders geäußert: Er lasse sein Amt "nicht mehr" ruhen, um die Wahrnehmung eines Schuldeingeständnisses zu verhindern. Diese einseitige Kommunikation des Vizepräsidenten führte nach TOUR-Informationen zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten innerhalb der BDR-Spitze und auch zu Verwunderung im Hamburger Landesverband, dem Schwarz früher vorsaß. Dort hatte der heutige Landesverbandspräsident Bernd Dankowski gegenüber TOUR gesagt: "Es gab eine Übereinkunft mit Manfred Schwarz, dass er bis zum Verbandsrat des BDR Ende November sein Amt ruhen lässt. Nun hat er uns einseitig informiert, dass er sein Amt wieder aufnehme. Dafür habe ich keinerlei Verständnis und es entzieht einer weiteren Zusammenarbeit mit Manfred Schwarz auch die Vertrauensbasis."

BDR-Präsident Scharping

Rudolf Scharping kritisiert im TOUR-Interview die Vermischung von sportlichen Ämtern und "politischem Meinungskampf" . Foto: Caroline Seidel

Am frühen Donnerstagnachmittag übermittelte BDR-Präsident Scharping in einer Mail dieser erklärenden Text zu den Vorgängen:  

1. "Nach intensivem Meinungsaustausch in den letzten Tagen hat das Präsidium des BDR noch einmal bekräftigt, dass jede politische Betätigung oder Beeinflussung in Verbindung mit einem Amt im BDR nicht vereinbar ist mit einem solchen Amt. Sport lebt von Fairness, Respekt, Wettbewerb und gemeinsam akzeptierten Regeln; das gilt für alle und ist in den Vereinen des BDR, seinen Landesverbänden und im BDR selbst gelebte Praxis.

2. gegen die Satzung des BDR verstößt, wer diese gemeinsamen Regeln verletzt. Das Präsidium des BDR hat sich von entsprechenden Aktivitäten klar distanziert und dies unter Würdigung aller nun bekannten Umstände und Einzelheiten gegenüber den Betroffenen sehr deutlich gemacht.

3. Peter Streng und Dr. Manfred Schwarz sind von ihren Ämtern als Stellvertretender Präsident bzw. als Vizepräsident zurückgetreten.

4. Alles Weitere wird in den Gremien des BDR beraten und festgelegt werden."

Bereits am 18. Oktober hatte sich das BDR-Präsidium nach einem Bericht auf Spiegel Online auf seiner Facebook-Seite von den Äußerungen Peter Strengs distanziert. Zugleich hatte der Verband ein Statement des Funktionärs online gestellt, worin dieser mangelnde Recherche vor dem Teilen von Meinungen zugab, aber eine fremdenfeindliche Grundhaltung abstritt. Auch Strengs zahlreiche sozialen Engagements wurden hervorgehoben. [https://www.facebook.com/bunddeutscherradfahrer/posts/1106899482742268:0] Das führte zu einer Protestwelle auf Facebook. 

Die ehemalige BDR-Präsidentin und heutige Leiterin der Sport-AG bei Transparency International, Sylvia Schenk, reagierte verwundert auf diese erste Kommunikation des Verbands, wie sie gegenüber TOUR feststellte: "Die Reaktion des BDR erscheint mir ausweichend. Es ist eine sehr merkwürdige Art des Ablasshandels, fremdenfeindliche Äußerungen gegen frühere oder jetzige gemeinnützige Tätigkeiten aufzuwiegen." Man könne keine Trennung zwischen privatem und persönlichem Handeln der Funktionäre ziehen. "Die Werte des Anti-Rassismus und der Anti-Diskriminierung sind für Sportverbände zentral, weswegen sie jedes Präsidiumsmitglied auch privat binden."

Haben Rechtspopulismus und Fremdenfeindlichkeit beim BDR tiefere Wurzeln, wie es viele Blogger und Diskutanten seit Wochen mutmaßen? Sylvia Schenk sieht zumindest Handlungsbedarf: "Der Radsport in Deutschland ist – vor allem aus sportkulturellen Gründen – in geringerem Umfang Teil der Integration durch Sport als andere Sportarten. Er sollte gerade deshalb besonders sensibel sein und aktiv für Vielfalt, sowohl was Migranten als auch Mädchen und Frauen betrifft, eintreten." BDR-Präsident Scharping wiederum verteidigte im Interview für die TOUR-Dezemberausgabe den organisierten Radsport gegen den Verdacht, er biete Platz für das ungeahndete Propagieren rechtspopulistischer Ansichten: "Haben Sie diesen Eindruck? Dann ist der Eindruck falsch." Laut Scharping leben die im BDR organisierten Vereine und der Verband, "was unser sportliches Ideal ist: fairer Wettbewerb, Respekt untereinander, Inklusion".

Unterdessen hat es erste Kündigungen von Mitgliedern gegeben, die mit dem Protest gegen die Haltung im BDR-Präsidium begründet wurden, etwa beim hessischen Landesverband. Der dortige Landesvorsitzende, Georg Bernius, sicherte im Gespräch mit TOUR zu, dass er nach Klärung des Sachverhalts beim BDR-Verbandsrat auf die austrittswilligen Mitglieder zugehen werde. Er müsse sich erst ein umfassendes Bild machen, werde aber das Gespräch mit jenen Mitgliedern suchen, die ihrem Protest mit dem Kündigungsschreiben Ausdruck verliehen hatten. 

Tim Farin am 10.11.2016
Kommentare zum Artikel