Christian Grasmann Christian Grasmann

Christian Grasmann

Runderneuerer

Andreas Kublik am 19.10.2017

Christian Grasmann ist seit Jahren ein Vorreiter der Sixdays-Szene. Dass nun eine britische Agentur frischen Wind in den Bahnsport bringt, stärkt auch dem Querdenker aus Oberbayern den Rücken

Ein herrlicher Blick bietet sich von diesem ­Höhenzug, den einst ein gewaltiger Eiszeitgletscher ins bayerische Voralpenland schob. Vom Irschenberg können Autofahrer oft in aller Ruhe über die Wallfahrtskirche Wilparting hinweg zum 1.838 Meter hohen Wendelstein mit seinem Funkmasten schauen – weil sich der Verkehr auf der Autobahn zwischen München und Salzburg hier gerne mal staut. In Zukunft sollen sich von hier aber auch neue Perspektiven für den Bahnradsport eröffnen: Der Blick soll bald auf eine neu gebaute Radrennbahn fallen. "Das ist eine verrückte Idee, natürlich", sagt Hans Schönauer, der Bürgermeister von Irschenberg, der gerne scherzt, er stehe einer Kommune vor, die doppelt so viele Kühe wie Einwohner zählt.
Ziemlich viele der 3.000 Irschenberger – und viele andere Menschen – dürften eine Radbahn mit Alpenpanorama auf der grünen Wiese für eine ziemlich verrückte Idee halten. Einige im Radsport halten sie aber zumindest für sehr interessant. Es gibt ja kaum brauchbare Radbahnen hierzulande. Zu den Befürwortern gehört Christian Grasmann – schon allein deshalb, weil die Idee von ihm stammt. Rund 20 Kilometer vom Irschenberg entfernt, sitzt er im ersten Stock eines Reihenhauses in Holzkirchen. Dort hat er sein Büro eingerichtet. Im Keller steht seine Trainingsrolle. Der schlaksige Oberbayer ist einer der wenigen, die den Spagat zwischen Radprofi und Teamchef versuchen. Im ersten Stock managt er per Computer, Fax und Telefon sein kleines Team, die Maloja Pushbikers, und im Keller arbeitet er an seinem Job als Sechstage-Profi.
Der 35-Jährige ist einer der wenigen Selfmade-­Men im deutschen Profiradsport. Bei den ­Maloja Pushbikers, einer Renngemeinschaft ohne UCI-Lizenz, ist er Gründer, Sportlicher Leiter, Kapitän, Pressesprecher, Wohnmobilfahrer und Teammanager in Personal­­union. Er führt das Team gemeinsam mit Lebens­gefährtin Anne. Die promovierte Kunsthistorikerin ­erinnert sich noch an die Anfänge der Beziehung vor rund zehn Jahren: "Meine Freunde haben gefragt: Was willst du denn mit einem Radsportler?" Sie findet es mittlerweile prima, im Hauptjob Kunstausstellungen zu organisieren und nebenbei Weihnachtskarten für das Radteam zu entwerfen oder Pressetexte über die jüngsten Rennen zu redigieren. "Wichtig ist, dass man das, was man tut, mit Leidenschaft tut", sagt sie. Sie meint damit den Lebenspartner, der immer unter Strom steht – egal ob auf dem Rennrad oder im Büro, ob in Gesprächen mit Sponsoren, Veranstaltern und Journalisten. Oder im Zwist mit Funktionären.
Grasmann arrangiert noch ein paar Termine, plant Flüge, schreibt Mails, ehe er kurz den Teammechaniker Rolf Wenz im fünf Geh­minuten entfernten Materiallager besucht. Dort hat er sich ein Loft eingerichtet – mit Sammlerstücken, wie alten Stahlrahmen, Wolltrikots und ausgebleichten Ehrenwimpeln. Und Carbon-Leihrädern für die Jugendgruppe des RSV Irschenberg. Den Club hat Grasmann gemeinsam mit Bürgermeister Schönauer 2004 gegründet – inzwischen ist er so etwas wie der Stolz des Dorfs und die Basis der ­Maloja Pushbikers. Der Bürgermeister freut sich genauso, wenn er die Vereinsmitglieder und Profis Leif Lampater und Marcel Kalz beim Londoner Sechs­tagerennen live auf Euro­sport sieht, wie wenn er einen Deutschen Doppelmeister aus der Jugend ehren darf.

Christian Grasmann

Da schau her!
Grasmann hat den Entwurf für die neue Radbahn quasi immer in der Tasche

Erfolgreiche Jugendarbeit

Tatsächlich hat der Vereinsvorsitzende Grasmann zusammen mit Jugendleiter Christian Lichtenberg eines der erfolgreichsten Jugendprojekte im bayerischen Radsport auf die ­Beine gestellt. Er weiß, dass man für eine starke Spitze eine breite Basis braucht. Und dass sein geliebter Bahnradsport nur mit guter ­Jugendarbeit langfristig Zukunft hat. Eigene Trophäen und frühere Erfolge scheinen ihm weniger wichtig. Siegerschleifen hat er hoch an die Garagenwand ­geheftet, Pokale stehen über der Werkzeugbank und auf dem Fenstersims der Toilette im Materiallager. Der dürre 1,89-Meter-Mann, den Eindruck vermittelt er gerne, denkt lieber voraus anstatt zurück­zu­blicken. Dennoch bedeutet ihm die Tradi­tion seines Sports viel. Das zeigt ein kleines, ­eigentlich unauffälliges Stück helles Holz an der Wand, darauf ein schwarzer Strich und die Zahl "120". Es ist die 120-Meter-Marke der Radrennbahn aus der Olympiahalle in München, auf der bis 2009 die Radprofis beim Sechstagerennen rumpelten. Es ist Andenken und Mahnung zugleich – der Rest der Bahn wurde im Münchner Heizkraftwerk Süd verfeuert. Ein Sinnbild für den Niedergang des Bahnradsports und der Sixdays-Szene in Deutschland. Jeder Blick auf das Stück Holz bringt Grasmann auf die Palme. Das Erbe des Bahnradsports in München – als Müll verbrannt. "Das hat uns wahnsinnig wehgetan", erinnert er sich an den Moment, als er und seine Sechs­tage-Kollegen mitansehen mussten, wie Arbeiter die Bahn nach dem letzten Rennen zersägten.
Der Radsport-Enthusiast kämpft gegen den Niedergang – als Rennfahrer, als Teammanager, als Ideengeber. Und er bekommt gerade Rückenwind: Ein neuer Investor aus Groß­britannien sieht großes Potenzial im Bahnradsport, mit viel Geld drängt die Madison Sports Group (MSG) in den Sechstage-Markt. Nun gibt es erstmals eine Serie von fünf ­Sechstagerennen, zu der auch der Klassiker in Berlin zählt – und alle werden vom Sender ­Eurosport live übertragen.

Christian Grasmann

Kopfsache
Der Pushbikers-Teamchef hat immer Ideen – und weiß, wie man den Sponsor im Bild platziert

Ein Revoluzzer als Lehrmeister

Grasmann gefallen die frischen Ideen, die der britische Veranstalter in den Sport trägt. Und bei der MSG schätzen sie den Radprofi und Teamchef. "Christian ist ein Berater. Er hat nicht die traditionelle Perspektive. Er erklärt uns die Veranstaltungen aus Sportlersicht", sagt Valts Miltovics, der neue Geschäfts­führer der MSG für das Berliner Rennen. Grasmann sei nicht nur Rennfahrer, sondern auch "Lehrmeister für die Jungen – und auch für uns", sagt Miltovics und ergänzt: "Die Jungen denken nicht so wie er an die Zukunft." Viele Radprofis haben irgendwann keinen Vertrag mehr – und dann keine Idee, wie es weiter­gehen könnte. "Der Grasi", wie viele ihn nennen, hat immer Ideen. Er ist einer, der nicht nur für Gage im Kreis fährt. Er will aus der ewig gleichen Umlaufbahn ausbrechen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung nannte ihn "Revoluzzer im Kreisverkehr". Er denkt manchmal revolutionär, gerade nach den Maßstäben des traditionellen und oft wenig dynamischen Radsports. Deshalb streitet er oft mit Funktionären und Veranstaltern, weil sie ihm zu träge auf neue Ideen reagieren.
Dabei hat er sich mühsam hocharbeiten müssen – als Quereinsteiger, der erst im Alter von 19, 20 Jahren begann, ernsthaft Radrennen zu fahren. Aus der Verbandsförderung flog er, ehe er richtig drin war. Bei ihm wirkten die ­umfangreichen, wenig individuellen Trainingsprogramme des Bundestrainers eher wie eine Hinrichtung als wie ein Karriere-­Beschleuniger. "Ich wollte damals ganz hinschmeißen", erinnert er sich. Jahrelang mied er die Insel Mallorca wegen einer traumatischen Trainingslager-Erfahrung.

Christian Grasmann

Teamwork
Lebensgefährtin Anne hilft bei der Arbeit rund um die Pushbikers

Gescheitert – und frei

Christian Grasmann

Andenken
Ein Stück Holz aus der abgerissenen Münchner Sechstage-Bahn hängt an der Wand – als ­Mahnung und Ansporn

Doch der Neuling war fortan gleichermaßen gescheitert wie frei – auch weil ihm einige ­Förderer gut zuredeten. Er arbeitete an seiner sehr speziellen Profi-Karriere, erst als Lücken­füller bei Sechstagerennen hinter prominenten Fahrern wie Risi, Betschart, Zabel, Aldag & Co., dann als immer wichtigerer Bestandteil, ehe er im vergangenen Januar in Bremen – bei seinem 62. Sechstagerennen – den ersten Sieg feierte. Im Alter von fast 35 Jahren. Der Glatzkopf mit dem Hipster-Bart ist eines der Gesichter der Sixdays-Szene geworden. Und bei den Bahnrennen in Australien oder der britischen Revolution Series, bei der auch Bradley Wiggins oder Geraint Thomas am Start stehen, zählt er mit seinen Teamkollegen zu wichtigen Leistungsträgern.
Manchem ist "der Grasi" aber nicht nur auf dem Rad zu schnell, sondern auch zu streitbar, zu risikobereit. Kumpel Leif Lampater, mit dem er das Bahnteam einst initiierte, ­findet: "Er stößt zu oft Leute vor den Kopf." Die Wege von Lampater und Grasmann ­verlaufen inzwischen in unterschiedliche Richtungen. Lampater hat sich vom Bund Deutscher Radfahrer überzeugen lassen, noch einmal den Anführer für den Bahnvierer zu geben. Im Gegenzug bekam der Olympia-­Vierte von 2004 als 33-jähriger Sportsoldat ein sicheres Auskommen für die gerade gegrün­dete Familie. "Schwabenrechnung", nennt das Grasmann ein bisschen verächtlich.

Leidenschaft statt Rechnerei

Der Schwabe Lampater rechnet, der Bayer Grasmann begeistert oder verärgert – je nach Sichtweise. Und manchmal verrechnet er sich auch. Der Teamchef der Pushbikers macht mit schlankem Budget viel möglich. Manchmal auch mehr als möglich ist, würden Kritiker sagen, weil am Ende der Saison das Geld auch schon mal einfach nicht gereicht hat. Der Teamchef erzählt, dass er dann selbst die Runde bei den Sponsoren macht, ob vielleicht noch ein bisschen was in der Kasse übrig sei, er habe noch unbezahlte Rechnungen. "Aber das ist nur zweimal in fünf Jahren passiert", beschwichtigt er. Kühle Rechner mögen da denn Kopf schütteln. Aber selbst die, die auf den Radsport-Tausendsassa nicht so gut zu sprechen sein dürften, weil es bei Absprachen, sagen wir: Missverständnisse gab, finden den Typen irgendwie gut – mit seinen verrückten Ideen und Erfolgen als Querdenker und Selber­macher. Lampater betont: "Er macht supergutes Marketing."
Bei manchem Radprofi mag man zweifeln, wie er wohl sein Geld verdienen wird, wenn die Kraft nicht mehr für die Weltspitze reicht. Bei Grasmann macht sich eigentlich niemand Sorgen. "Viele können nur Rad fahren, er kann reden", sagen sinngemäß Wegbegleiter und Geschäftspartner – und das gilt als Anerkennung. Denn "der Grasi" redet nicht nur, sondern stellt viel auf die Beine, vernetzt, kämpft, verkauft Ideen, verbindet neu. So hat er den Teamsponsor, die Kaffeerösterei ­Dinzler, zum Umzug aus dem Berchtesgadener Land auf die grüne Wiese am Irschenberg ­bewegt – im Wortsinn. "Hans, brauchst du Gewerbesteuer?", habe er den Bürgermeister gefragt, erzählt Grasmann. Heute ist der ­Kaffee-­ und Gastronomiebetrieb an der Autobahnausfahrt einer der wichtigsten Gewerbesteuerzahler am Irschenberg.
Ob auch eine Radrennbahn am Rande seines Dorfs realistisch sei? Und wann? Schönauer will sich da nicht festlegen, aber er ist Oberbayer durch und durch: "Wenn eine Idee reif ist, dann geht es schnell bei uns", sagt er. Selbst wenn es um eine Radbahn am Irschenberg geht? "Es gibt auch am Königssee eine Bobbahn und in Inzell ein Eisschnelllaufzentrum", erläutert der Ortsvorsteher – kleine Orte mit eigentlich zu großen Sportanlagen, die aber als Leistungszentren wichtig sind.
Eine vermeintlich verrückte Idee Wirklichkeit werden zu lassen – dieser Antrieb verbindet den Dorfbürgermeister und den Bahnsport-­Querdenker. Männer wie Schönauer mag Grasmann. Alle anderen haben’s mitunter schwer, seinem Tempo, seinen Sichtweisen zu folgen. Er hat schon einen Entwurf der Radbahn auf dem Smartphone. Natürlich soll es nicht einfach ein Holzoval werden – auch Geschäfte und Hotellerie sollen integriert sein. Es soll etwas Modernes, Schönes werden. Ganz anders als beispielsweise das deutsche Bahn-Leistungszentrum in Frankfurt/Oder, wo rund um die Oderlandhalle die Zeit seit der Wende stehengeblieben zu sein scheint. "Wenn man jemanden fragt, ob er lieber in der Kaserne in Frankfurt/Oder oder mit ­Bergblick am Irschenberg trainieren und ­leben will – wie wird die Antwort wohl aus­fallen?", fragt Grasmann die Besucher. Es klingt eigentlich ganz einfach. Dann schwingt er sich auf seinen Fuji-Renner und radelt über die verschneiten Hügelkuppen rund um Holzkirchen. Wenn er zurück ist, hat er wieder ­eine gute Idee gehabt, den Kopf für Neues freigekriegt. Da ist er sich sicher. Auch wenn mit dieser Idee dann manchmal die anderen ein Problem bekommen.
 

Christian Grasmann

Heimatverbunden
Profi Grasmann beim Training im verschneiten Vor­alpen­land

Zur Person: Christian Grasmann

Geboren  16. März 1981 in München
Größe  1,89 Meter
Gewicht  74 Kilogramm
Nationalität  deutsch
Wohnort  Holzkirchen
Teams Rudy Project Racing Team (2011–2013)  Maloja Pushbikers (2014–2017)

Wichtige Erfolge Deutscher Meister Zweier-Mannschaftsfahren (Madison) 2010 (mit Leif
Lampater) und 2015 (mit Stefan Schäfer), Gesamtsieger Revolution Series 2013/14 und 2014/2015,
Sechstagerennen Bremen 2016 (mit Kenny De Ketele)

Andreas Kublik am 19.10.2017
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