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Lance Armstrong und die Beichte

Lance Armstrongs Talkshow-Auftritt bei Oprah Winfrey schlägt schon vor der Ausstrahlung in der Nacht zum Freitag unserer Zeit hohe Wellen. TOUR-Autor und USA-Korrespondent Sebastian Moll hat sich dazu einige lesenswerte Gedanken gemacht und aufgeschrieben

Viel ließ Oprah Winfrey nicht durchsickern über die Stunden, die sie am vergangenen Montag mit Lance Armstrong verbracht hatte, schliesslich wollte die Talk Queen nicht die Einschaltquoten für ihre Sendung gefährden, in der sie am Donnerstagabend das ganze Lance Armstrong Geständnis in voller Länge auszustrahlen gedenkt. Nur das wollte sie zu Protokoll geben: Armstrong habe sich mit der Materie schwer getan, er habe gerungen und das Interview sei so gar nicht so verlaufen, wie sie sich das vorgestellt hatte.

Was sie damit gemeint hat, das kann man sich denken. Es gab von Armstrong keine kathartische Gewissensreinigung, er präsentierte sich nicht als reuiger, demütiger Sünder, wie ihre Gäste das zu tun pflegen, wenn sie sich Oprah gegenüber offenbaren. Oprah hat in der amerikanischen Popkultur den Status der katholischen Kirche inne, vor ihr und der Welt schütten gefallene Prominente ihr Herz aus und erhalten Absolution. Doch das war von Armstrong ohnehin nicht zu erwarten.

Armstrong hat viele Gründe keine echte Reue zu zeigen. Reue würde ihn denen gegenüber angreifbar machen, denen er Schaden zugefügt hat und die Rechtsansprüche an ihn haben. Außerdem übern.hme er damit, wie er selbst nicht ganz zu unrecht einwendet, die Schuld eines ganzen Berufsstandes, in dem er nur der Primus Inter Pares war. Er war vielleicht der durchtriebenste und systematischste Doper aller Zeiten, doch er folgte letztlich nur der perversen Logik, die dem Berufsradsport, ja dem gesamten Berufssport inne wohnt. 

Das Stammeln des Champions hatte allerdings auch noch einen tiefer gehenden Hintergrund. Denn die narrativen Mittel, die anderen geständigen Doping – Sündern! zur Verfügung stehen verweigern sich dem Boss.

Andere, wie die tränenreiche Marion Jones, konnten ihre Beichte nach dem klassischen Bekenntnis-Muster strukturieren. Sie können auf ein gefallenes Ich zurück schauen, dass sie hinter sich gelassen haben. Vom Standpunkt eines geläuterten Selbst, das den rechten Weg gefunden hat, können sie zur Erbauung des Zuhörers auf jenes erbärmliche Ich der Vergangenheit zurückblicken und beschreiben, wie es so tief sank, dass die Konversion der einzige Ausweg war.

Armstrong hingegen hat seine Erweckungserlebnisse schon lange aufgebraucht. Die ganze Legende seiner Karriere und somit seine profitable Marke ist auf eines aufgebaut. Als der krebskranke Armstrong 1997 dem Tod ins Auge sah fand er zu einer Weisheit, die Normalsterblichen nicht vergönnt ist. Er verstand es als Verpflichtung, das Leben fortan jeden Tag voll auszukosten (Livestrong) und nebenbei die Welt zu retten. Oder jedenfalls vom Krebs zu befreien. 

Jemand der sich bereits als Heiliger konstruiert hat, kann jedoch nur schwer per öffentlicher Gewissensprüfung zu einer höheren Daseinsstufe finden. Es sei denn er radiert zuvor seine biographische Selbstkonstruktion aus.

Dazu ist Armstrong jedoch nicht bereit und wird es vermutlich auch nie sein. Denn was bliebe ihm denn dann als Geschichte seines Lebens? Einer, der den Krebs überlebt und daraus nichts gelernt hat? Der sein geschenktes zweites Leben zum größten Sportbetrug aller Zeiten genutzt hat, der das Geschäftsgebahren einer maroden Branche auf die Spitze getrieben und sich dabei auch noch als Heiliger verkauft hat? Einer, dem Lüge und Dreistigkeit zur zweiten Natur geworden ist?

Dazu ist Armstrong nicht bereit. Allerdings waren dazu in letzter Konsequenz auch seine geständigen Kollegen nicht bereit. Von Hamilton bis Leipheimer, Millar Zabriskie und Hincapie, Bölts, Zabel und Aldag war immer nur zu hören, dass sie von den Umständen dazu gedrängt wurden zu dopen und dass sie erst dann mitmachten, als es sich gar nicht mehr vermeiden ließ. Und wenn man in den Büchern! von Hamilton und Millar die Passagen über ihre Rennerfolge ließt, dann klingt da noch immer der Stolz durch.

Insofern wird man von Armstrong am Donnerstag und Freitagabend genug sind, wird man viel über das System Profisport hören, in dem der Anreiz zu betrügen unwiderstehlich hoch ist und indem Aufrichtigkeit bestraft wird.

Das ist sicherlich nützlich. Doch! bei Armstrong ist die Ausflucht, er sei da nur hineingerutscht noch weniger glaubhaft, als bei seinen Helfern und Weggefährten. Armstrong war kein passives Produkt des Systems, er hat es durchschaut und sich mit diabolischer Intelligenz bis in die letzte Konsequenz aus wirtschaftlichen und narzisstischen Motiven zunutze gemacht. Das gilt für den sportlichen, den pharmazeutischen, den politischen und den publizistischen Aspekt des Gewerbes.

Willfährig hat Armstrong den Hunger des Publikums nach Helden und Halbgöttern bedient und seine Biographie zur Projektionsfläche für all jene gemacht, die mittels ihrer Sporthelden ihre Hoffnungen auf die Transformation ihres eigenen Lebens in etwas Höheres, Besseres füttern. Nun ist er mit dieser Legende in einer Ecke aus der er nicht mehr heraus kommt. Das Ziel einer Beichte, wieder in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden, wird er mit dem, was er mutmaßlich am Donnerstag im US – TV abliefert, jedenfalls wohl nicht erreichen. Der einstige Held wird einsam bleiben.

Der Autor
Sebastian Moll war ehemals Redakteur bei TOUR. Er lebt seit einigen Jahren als Autor und Korrespondent in New York. Von dort berichtet er für deutsche Magazine und Zeitungen über Themen aus Sport, Politik, Kultur und Gesellschaft, viele seiner Artikel veröffentlicht er auf seiner Website unter der Rubrik Email aus New York

 

Die Talksendung von Oprah Winfrey mit Lance Armstrong ist in Deutschland zu sehen auf Discovery Channel (mit deutscher Übersetzung über den Pay-TV-Sender Sky empfangbar) um 3.00 Uhr mitteleuropäischer Zeit am Freitag, 18. Januar 2013. Im frei empfangbaren Fernsehen wird die Sendung auf dem Sender DMAX am Freitag um 19.15 Uhr (MEZ) wiederholt. Wie dieser Sender im deutschen Sprachraum über Kabel oder Satellit zu empfangen ist, finden Sie unter der Internetadresse www.dmax.de/web/empfang/

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Text: Thomas Musch
16.01.2013

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