Pirelli P Zero Pirelli P Zero

Neuheiten 2018: Pirelli P Zero Velo Fahrtest

Neue Rennradreifen von Pirelli

Robert Kühnen am 21.06.2017

Pirelli steigt nach 25 Jahren Abstinenz wieder in die Produktion von Rennradreifen ein. TOUR konnte die neuen Pneus unter dem Namen P Zero Velo bereits testen und messen.

Gelingt der Transfer vom Motorsport zum Radsport? Auf der Pirelli-Teststrecke in Vizzola und einer längeren Runde in der Umgebung konnten wir erste Fahreindrücke sammeln. Der P Zero Velo zeigt sich komfortabel abgestimmt und fährt sich geschmeidig, vermittelt aber jederzeit Gespür für den Untergrund. Das Einlenkverhalten ist neutral, der Kurveneindruck sicher. Auf der künstlich bewässerten Teststrecke bringen wir das Hinterrad zum Ausbrechen; der Ausrutscher kündigt sich nicht an, aber der Reifen fängt sich schnell wieder. Das Allwettermodell 4S, mit tiefer eingeschnittenem Profil und anderer Gummimischung, fühlt sich im direkten Vergleich weicher an und lässt sich nicht zum Rutschen überreden.

Pirelli P Zero

Ausprobiert: Auf dem bewässerten Kurs der Vizzola-Teststrecke konnten wir die Haftgrenze ertasten


Bei der Entwicklung hat Pirelli laut Forschungs- und Entwicklungsleiter Piero Misani vor allem Wert auf gutmütiges Fahrverhalten und Nasshaftung gelegt:  "Unser Ziel ist es, dass der Fahrer Vertrauen in den Reifen hat. Nur wenn er dem Reifen vertraut, kann er den weiten Grenzbereich auch nutzen." Um Rollwiderstand und Nasshaftung auf hohem Niveau zu halten, hat Pirelli an der Gummiformel gearbeitet. "Smartnet Silica"  nennen die Italiener ihre neue Mischung, bei der röhrenförmige Nano-Partikel sich beim Spritzen des Laufflächengummis nicht nur günstig in Fahrtrichtung orientieren, sondern echte Vernetzungen mit den Polymeren bilden sollen, die das Grundgerüst der Mischung sind.

Pirelli P Zero

Profiliert: Das Profildesign stammt von Motorrad und soll nicht nur ästhetische Wirkung haben

Die Nano-Partikel, die in einem Reifen stecken, würden zusammen eine Oberfläche von der Größe eines  Fußballfeldes bilden, erklärt Misani. Aufgrund der starken Bindungen der Moleküle verbessere die Vernetzung auch die Schnittfestigkeit des Gummis.

Pirelli P Zero

Limitiert: Der zulässige Druck beim 25 mm breiten P Zero beträgt 7,7 bar, gefertigt wird in Frankreich

In der Hexenküche
Im Mailänder Hauptsitz von Pirelli werden die Mischungen für alle Reifentypen entwickelt. Pirelli gestattete uns einen Blick hinter die Kulissen. Auf mehreren Etagen liegen die mit Technik vollgestopften Labore. Jüngste Neuanschaffung im chemischen Labor ist ein Mischroboter, der vollautomatisch die Proben für die chemische Analyse anfertigt. Um die 6.000 neue Mischungen werden pro Jahr untersucht, sagt Fabio Menni, der Entwickler des Smartnet-Compounds. Elektronenrastermikroskope erlauben einen Blick in die molekulare Struktur. Auch Reifen anderer Hersteller werden hier durchleuchtet, um deren Geheimnissen auf die Spur zu kommen. Im Testlabor stehen Fahrradreifen einträchtig neben den verblüffend leichten Formel-1-Ballon-Reifen. Gleich daneben werden LKW-Reifen getestet.

Pirelli P Zero

Luftig: Die Reifentester am Mailänder Hauptsitz haben sehr viel Luft über dem Kopf. Mischungslabore und Prototypenfertigung sind gleich nebenan.

Der ganze Stolz der Pirelli-Tester ist eine Handling-Testmaschine. Hier rollt ein Rad, geführt von einem Roboter auf einer Art Riesen-Bandschleifer, dessen Stahltrommeln rund einen Meter Durchmesser besitzen. Auf rauem Untergrund absolviert der Reifen ein Testprogramm, das Kurvenfahrten nachbildet. Die Kräfte, die dabei auf Reifen und Rad wirken, werden gemessen und mit den Fahreindrücken von der Rennstrecke abgeglichen. Wir sehen live, wie die Kraftkurven kräftig ausschlagen. Aus den wild gezackten Linien der Aufzeichnungen treffen die Ingenieure Vorhersagen, wie sich der Reifen auf der Straße anfühlen wird. Gefertigt werden die Reifen vorerst in Frankreich: Pirelli liefert dazu aber die Mischungen aus seinem Werk in Rumänien. Auch in Asien sollen Fertigungskapazitäten bereit stehen.   

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Gefühlt: Der Riesenbandschleifer dient dazu, das Fahrverhalten vorherzusagen, insbesondere das Handling bei Kurvenfahrt

Schon gemessen
Ein Paar Testreifen haben wir von der Präsentation mitgenommen und sofort dem TOUR-Rollwiderstandstest unterzogen. Ergebnis: Der 25 Millimeter breite P Zero Velo rollt sehr gut, stellt aber keine neuen Rekorde auf. Auf glatter Piste ist er dem  Continental 4000 2 S leicht unterlegen, auf rauer Piste ist er schneller. Die Performance ist dem des Michelin Power sehr ähnlich.

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Pirelli empfiehlt für den 25er-Pneu 6 bis 8 Bar Reifendruck.  Wir haben bei sieben Bar getestet. Auf der Straße fanden wir sechs Bar passender, um das Komfortpotenzial auszunutzen. Auf einer modernen, 23 mm breiten Felge bläht sich der 202 Gramm leichte Reifen immerhin auf knapp 28 Millimeter Breite. Allerdings schlug der Reifen mit dem niedrigen Druck durch. Mit Schlauch lässt sich der Reifendruck eben doch nicht risikolos Richtung Komfort trimmen. 

Piero Misani erklärt, warum Tubeless für Pirelli zur Einführung keine Option war: "Als wir vor zwei Jahren mit der Entwicklung der Fahrradreifen begannen, waren wir etwas erstaunt, wie wenig Fahrradreifen reglementiert sind, verglichen mit dem Motorradbereich. Angesichts fehlender Normen, zum Beispiel welche Felgenbreite für welchen Reifentyp zulässig ist, schien es uns riskant, sofort auf Tubeless zu setzen." 

Für die Zukunft ist Tubeless aber ein Thema, ebenso wie die Ausweitung der Produktpalette aufs Mountainbike oder das Sponsoring eines Profi-Teams. Es scheint, als ob Pirelli wirklich ernsthaft in den Radsport einsteigen will.

Testreifen:
P Zero Velo 25 mm
Faltreifen
202 Gramm
Empfohlener VK: 42,90 Euro, ab September 2017 im Handel
 

Robert Kühnen am 21.06.2017
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