Test: Time Izon Aktiv 2015 Test: Time Izon Aktiv 2015
Rahmen

Test: Time Izon Aktiv 2015

Manuel Jekel am 23.01.2015

Mit neuen Modellen und einem einzigartigen Dämpfungssystem will Carbonrahmen-Pionier Time an alte Erfolge anknüpfen. Ob dieser Plan aufgeht, wird Firmengründer Roland Cattin nicht mehr erleben. Der 65-Jährige starb unerwartet im Oktober

Für Liebhaber exklusiver Carbon-Rennräder gehört Time seit einem Vierteljahrhundert zu den ersten Adressen. Seit 1990 baut das Unternehmen in der Nähe von Lyon Carbonrahmen und -gabeln. Mittlerweile ist Time der letzte industrielle Rahmenhersteller, der noch in Europa produziert. Auch bei der Fertigungsmethode gehen die Franzosen eigene Wege. Anders als fast alle Konkurrenten baut Time Rahmen und Gabeln nicht aus vorimprägnierten Carbon-Geweben, sondern im sogenannten Harz­einspritzverfahren.

Cattins überraschender Tod trifft Time und die derzeit 100 Mitarbeiter hart. Zuletzt hatte der Firmengründer noch einmal massiv in das Unternehmen investiert, wie er gegenüber TOUR noch im vergangenen Juni erläuterte. Schon länger kämpfte Time mit Problemen – teils wegen der hohen Produktionskosten in Frankreich. Doch die Marke hatte auch ihren Ruf als technischer Vorreiter eingebüßt. Mit der speziellen Fertigungsmethode ­gelang es bisher nicht, fahrstabile Rahmen mit weniger als 1.000 Gramm zu bauen. Cattin wehrte sich allerdings immer dagegen, dass es beim Rennrad nur ums Gewicht geht. Ihm war der Fahrkomfort wichtiger.

Test: Time Izon Aktiv 2015

Time Izon Aktiv 2015

Neben groben Stößen, wie sie durch Schlaglöcher verursacht werden, sind es vor allem feine Vibrationen, die auf Rennradfahrer einwirken. Ihre Folgen sind oft nicht unmittelbar zu spüren. Aus der Arbeitsschutz­forschung weiß man aber, dass Schwingungen die ­Leistung mindern und langfristig sogar die Gesundheit gefährden können. Dieser Problematik hat man sich bei Time angenommen. Um Vibrationen zu verringern, werden an den Ausfallenden der Gabel sogenannte Schwingungstilger angebracht: Blattfedern mit Gewichten an den oberen Enden, die in den Gabel­scheiden frei schwingen. Die Eigenfrequenz der Federn soll dabei den Vibrationen von der Straße entgegenwirken und so das ­System aus Fahrer und Rad beruhigen.

Dass das Prinzip grundsätzlich funktioniert, weiß man aus anderen Bereichen: Mit Schwingungstilgern werden unter anderem Wolkenkratzer erdbebensicher gemacht. ­Damit Schwingungstilger funktionieren, müssen sie aber auf eine konkrete Frequenz abgestimmt werden, und prinzip­bedingt können sie auch nur in einem sehr engen Frequenzbereich funktionieren.

Hilfreich nur auf rauem Asphalt?

In umfangreichen Messreihen identifizierten die Entwickler einen Bereich zwischen 33 und 43 Hertz, den Radfahrer bei Vibra­tionen von der Straße am störendsten empfinden. 33 bis 43 Impulse pro Sekunde – eine erstaunlich niedrige Frequenz. Plausibel wird der Wert, wenn man sich eine Fahrt über Kopfsteinpflaster vorstellt: Mit hohem Tempo sind die Stöße besser zu ertragen als bei langsamer Fahrt. Allerdings ist das "Aktiv"-System, wie Time die Technologie nennt, kein Federungs­system, das Stößen wie bei Paris-Roubaix die Wucht nehmen könnte. Es soll vielmehr feine ­Vibrationen filtern, wie sie von rauem Asphalt ausgehen.

Test: Time Izon Aktiv 2015

Frei schwingende Blattfedern in den Gabelscheiden des Time Izon Aktiv erzeugen eine Gegenresonanz zu den ­Vibrationen von der Straße.

Einen Eindruck von der Wirksamkeit des Aktiv-Systems vermittelten die Testfahrten mit dem neuen Modell Izon, das wie alle Time-Modelle mit und ohne Aktiv-Gabel erhältlich ist. Wer einen auf Anhieb spürbaren Effekt erwartet, könnte enttäuscht sein. Das Wirken der Dämpfer ist mehr zu ahnen als zu spüren, was aber auch an den zu guten Straßen in Oberbayern liegen könnte. Time räumt selbst ein, dass das System auf grobkörnigem Asphalt effizienter arbeite. Schlägt man jedoch die ausgebaute Gabel in die Hand, ist deutlich zu spüren, dass die Schwin­g­ungen schnell abklingen. Trotzdem bleibt die Frage, wie sinnvoll es ist, Vibrationen nur in einem bestimmten, sehr schmalen Frequenz­bereich zu filtern, der unter Umständen sehr selten auftritt.

Test: Time Izon Aktiv 2015

Time Izon Aktiv 2015

Unabhängig davon ist das Izon ein typisches Time-Rennrad. Die Form mit Monostay-Hinterbau und kantigen Rohrprofilen ist längst ein Erkennungsmerkmal der Marke, ebenso die exquisite Verarbeitung. Sitzposition und Geometrie mit kurzem Radstand und knappem Nachlauf weisen das Rad als rassiges Wettkampfgerät aus. Mit knapp mehr als 1.000 Gramm ist der lackierte Izon-Rahmen etwas leichter als frühere Time-Modelle und auch fahrstabiler: 78 Nm/° im Lenkkopf sind kein herausragender Messwert, für erfahrene Piloten bis 75 Kilo aber in Ordnung, zumal die Gabel sehr steif ist. Auch der Komfort am Sattel ist auf den ersten Blick nicht überragend – allerdings ist Time schon lange ein Verfechter von inte­grierten Sattelstützen. Auch der Izon hat eine solche Sitzrohrverlängerung. Anders als bei ähnlichen Modellen kann man das Sitzrohr aber absägen und durch eine normale Stütze ersetzen – das würde den Komfortwert deutlich verbessern. Zum eigenständigen Auftritt trägt auch die im eigenen Werk gefertigte, markant geformte Lenker-Vorbau-Kombination bei. Eine weitere Spezialität ist das Lenklager, das die Gabel mithilfe eines auf den Schaft geklebten Gewindes fixiert. 

Unterm Strich ist das Izon ein angenehm zu fahrendes, sehr sportlich abgestimmtes Rennrad, das mehr durch Exklusivität als durch beeindruckende Messwerte für sich wirbt. Das außergewöhnliche Dämpfungssystem hat auf Anhieb kein Aha-Erlebnis vermittelt, aber vielleicht kommt das noch. Time hat uns ein weiteres ­seiner neuen Modelle zugesagt, das wir demnächst im direkten Vergleich mit und ohne ­Tilgungsdämpfer ausgiebig testen ­werden. 

Preis Komplettrad 5.855 Euro
Preis Rahmen-Set 3.695 Euro
Gewicht 7,2 Kilo

Bezug/Info  www.time-sport.com  

Rahmengrößen**  XXXS, XXS, XS, S, M, L, XL  
Sitz-/Lenk­winkel  73°/73°  
Sitz-/Ober-/Steuerrohr  735/555/166 mm plus 9 mm Steuersatzdeckel
Radstand/Nachlauf  980/56 mm  
Stack/Reach***  563/399 mm/1,41

Ausstattung

Lenklager  Time Quick Set, oben 1-1/8, unten 1-1/2 Zoll  
Bremsen/Schaltung  Shimano Ultegra  
Tretlager  Rotor 3D (50/34 Z., BB386evo)  
Laufräder/Reifen  Mavic Ksyrium SLS/Mavic Yksion Pro  
Lenker/Vorbau  Time Ergodrive/Time Monolink  
Sattel/-stütze  Fizik Arione/Time (integriert)

MESSWERTE & EINZELNOTEN

Gewicht Komplettrad 7,2 kg (o. Pedale)
Gewicht Rahmen/Gabel/Steuerlager**** 1.020/566/56 g
Normiertes Gewicht Rahmen-Set***** 1.674 g..2,7
Lenkkopfsteifigkeit 78 Nm/°: 3,0
Seitensteifigkeit Gabel 57 N/mm: 1,0
Tretlagersteifigkeit 55 N/mm: 2,0  
Komfort Rahmen 215 N/mm: 2,3   
Komfort Gabel 118 N/mm: 5,0

Test: Time Izon Aktiv 2015

Time Izon Aktiv 2015

Test: Time Izon Aktiv 2015

Time Izon Aktiv 2015

* In die Gesamtnote gehen das Rahmen-Set mit 40 Prozent, die Ausstattung mit 60 Prozent ein. In diese Bewertung fließen Einzelnoten ein, die wir aus Platzgründen nur zum Teil abdrucken. Die Noten werden bis zur Endnote mit allen Nachkommastellen gerechnet; zur besseren Übersichtlichkeit geben wir aber alle Noten mit gerundeter Nachkommastelle an.
** Herstellerangaben; Testgröße fett.
*** Stack/Reach: projiziertes senkrechtes/ waagerechtes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerrohr. STR (Stack to Reach): 1,36 bedeutet eine sehr gestreckte, 1,60 eine aufrechte Sitzposition.
**** Gewogene Gewichte.
***** Bereinigtes Gewicht für Rahmengröße 57 cm und Gabelschaftlänge 225 mm.

Manuel Jekel am 23.01.2015