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Rahmen

Test 2015: Leichte Rennrad-Carbonrahmen

Manuel Jekel am 31.03.2015

Rahmen, die weniger als 700 Gramm wiegen, Gabeln mit weniger als 300 Gramm und ein 4,8 Kilo leichtes Serienrad: Die vier Modelle in diesem Test verschieben die Maßstäbe dafür, was im Leichtbau bislang als machbar galt.

Ja, ja. Gewicht ist nicht alles beim Rennrad. Auf die Aerodynamik kommt’s an, wenn man richtig schnell fahren will; und seitensteif muss der Rahmen sein, fahrstabil das Rad. Alles unstrittig, alles richtig. Aber dann schneien mitten im tiefsten Winter plötzlich vier Testräder in die Redaktion, und wir ­lassen alle Vernunft fahren und erliegen der mattschwarzen Verführung durch einen Hauch von fast Nichts ...

Das Verführungspotenzial der vier Leichtbau-Wunder, die wir zu diesem Test geladen haben, ist gewaltig. Jeweils weniger als 1.100 Gramm wiegen die Rahmen-Sets des AX Lightness Vial evo D, Cervélo RCA und Trek Émonda SLR 10. Leichter war bis dato kein Rahmen-Set, das im TOUR-Labor auf der Waage stand. Der vierte Kandidat, Roses X-Lite Team-8800, spielt zwar mit seinem 1.157 Gramm schweren Rahmen-Set gewichtsmäßig nicht ganz in dieser Super­liga. Dennoch landet auch der Rose-Rahmen locker in den Top Ten der leichtesten je getesteten Rahmen-Sets und überzeugt auch sonst auf ganzer Linie. Nur ungläubiges Staunen blieb den Testern beim Émonda SLR. Rechnet man das Gewicht der integrierten Sattelstütze bei ­diesem Modell heraus, liegt das Rahmen-Set, montagefertig ­inklusive Gabel und Lenklager in Größe 56, theoretisch sogar unter 1.000 Gramm. Nicht weniger spektakulär ist das Komplett­rad, das Trek auf dieser Basis komponiert. Unfassbare 4,8 Kilo wiegt das mit Tuning-Teilen gespickte Émonda SLR 10 – was zu der Frage führt, was bei ­einem Rennrad am meisten antörnt. Ist es am Ende doch das Gewicht?

Die Testergebinsse dieser Carbon-Rahmen finden Sie im Test und als PDF zum Download:

• AX Lightness Vial evo D Di2
• Cervélo RCA
• Rose X-Lite Team-8800
• Trek Émonda SLR 10

Fotostrecke: Test 2015: Leichte Carbonrahmen

Grenzen der Physik

Nun zählt es zu den Aufgaben der TOUR-Tester, Modelle wie das Émonda nicht nur messen, sondern auch fahren zu dürfen. Und das Fahrerlebnis mit dem leichtesten Serienrennrad der Welt rückt dann doch manches gerade. Nimmt man das extreme Gewicht zum Maßstab, fährt sich das Émonda zwar erstaunlich unproblematisch. Doch im ­direkten Vergleich mit den Konkurrenten, die mit alltagstauglicheren Komponenten – vor allem steiferen Laufrädern – bestückt sind, wird deutlich, dass Leichtbau, wenn er so extrem betrieben wird wie von Trek, an physikalische Grenzen stößt; mehr dazu in der Einzelbeschreibung in dieser Artikelserie.

Wie aber kommt es, dass sich die Grenzen dessen, was im Leichtbau von Rennrädern bislang als möglich galt, plötzlich so radikal verschieben? Der Cervélo RCA des Modelljahrs 2014 galt zuletzt als leichtestes Rahmen-Set, das TOUR bislang getestet hatte (siehe TOUR-Test 12/2013). 1.109 Gramm standen für das Set aus Rahmen, Gabel und Lenk­lager, ­normiert auf Rahmengröße 57, zu ­Buche (mehr zur Gewichtsbereinigung finden Sie hier ->).

Fotostrecke: AX Lightness Vial Evo D Di2

Doch nicht nur das Émonda SLR, auch der überarbeitete aktuelle RCA und das Vial evo D von AX Lightness, unterbieten mit je 1.045 Gramm die alte Bestmarke deutlich. Auf der Suche nach den Geheimnissen der Konstrukteure stößt man bei AX Lightness, Cervélo und Trek auf eine interessante Paral­lele. Zwar gibt es keine verlässlichen Statistiken, doch man liegt sicher nicht ganz daneben mit der Schätzung, dass heute 99 Prozent ­aller Carbonrahmen in Asien – meist in ­China oder Taiwan – produziert werden. Doch ausgerechnet bei den drei derzeit leichtesten Modellen auf dem Markt ist das anders. Der Émonda SLR wird, wie einige andere High-End-Rahmen von Trek, im Stammwerk in Waterloo im US-Bundesstaat Wisconsin gefertigt. Ebenfalls in den USA, genauer gesagt in Garden Grove bei Los Angeles, wird der RCA produziert. Dort hat die Firma Criterion Composites ihren Sitz, die seit 2002 als eine Art ausge­lagerte Entwicklungsabteilung für den kanadischen Hersteller Cervélo tätig ist. Und der Vial Evo von AX Lightness wird im oberfränkischen Creußen unweit von Bayreuth gefertigt.

Doch was machen AX Lightness, ­Cervélo und Trek bei ihren Leichtrahmen so anders als die großen Carbonrahmenfabriken in Asien? TOUR konnte in den vergangenen Jahren die Produktionsstätten von Vial Evo, RCA und Émonda SLR besuchen. ­Raketenwissenschaft, so viel lässt sich sagen, betreiben die Firmen nicht. Der entscheidende Unterschied scheint vielmehr zu sein, dass Entwicklungsabteilung und Rahmenproduktion in allen drei Firmen eng verzahnt sind.

Fotostrecke: Cervélo RCA

Alles unter einem Dach

Bei den meisten Serienrahmen aus Carbon geben Firmen in Europa oder Nordamerika das Design vor. Die technische ­Umsetzung erledigen dann die Produzenten in Asien. Anders bei Vial Evo, Émonda SLR und RCA. Hier finden alle Schritte vom ersten Entwurf bis zum fertig lackierten Rahmen unter einem Dach statt. So können die Ingenieure ständig prüfen, wie ihre Überlegungen in der Praxis funktionieren und auch kurzfristig etwas ändern. Wenn es darum geht, das Maximale aus einer Konstruktion herauszu­holen, wird dieser Ansatz zum unschätzbaren Vorteil, wie AX-Lightness-Chef Axel Schnura bestätigt. "Mit dem Know-how aus der Rahmenproduktion tut man sich in der Konstruktion deutlich leichter. Man kann besser beurteilen, was technisch geht und was nicht geht."

Auch Ben Coates von Trek, verantwortlicher Produktmanager für die Entwicklung des Émonda, sieht die Rahmenfertigung im eigenen Haus als entscheiden­den Vorteil gegenüber anderen Marken. "Schon oft kamen unsere Ingenieure in der Produktion auf Ideen, die sie dann an unsere Partner in Asien weitergeben konnten, die unsere Großserien-­Modelle fertigen." Coates nennt noch weitere Argumente, zumindest einen kleinen Teil der Rahmen in den USA herzustellen. "Gerade bei einem so extremen Rahmen wie dem Émonda ist es besonders wichtig, dass wir die volle Kontrolle über das Produkt haben. Außerdem erlaubt uns die eigene Fertigung, ­Materialien zu verwenden, die anderen Firmen nicht zur Verfügung stehen."

Fotostrecke: Trek Émonda SLR 10

Wenn es darum geht, aus einer Konstruktion das letzte Gramm herauszuholen, mag vieles für den Manufaktur-Ansatz von AX Lightness, Cervélo und Trek sprechen. Der immense Aufwand führt allerdings zwangsläufig zu Preisen, die die Rahmen zu Luxusspielzeugen für technik­vernarrte Besserverdiener machen. Schon das Vial-evo-Rahmen-Set von AX Lightness kostet 3.790 Euro. Bei den 7.900 Euro, die Cervélo für das Rahmen-Set des RCA aufruft, hört für die meisten Rennradler jedes Verständnis auf.

Für eine Marke wie Rose ist ein Ansatz wie der von AX Lightness & Co. deshalb bei allem technischen Ehrgeiz keine Option. "Unsere Preise müssen darstellbar bleiben", sagt Jürgen Telahr, der als Entwickler und Produktdesigner für den X-Lite Team ­verantwortlich zeichnet. Die Entstehungs­geschichte des Rahmens ist typisch für die meisten aktuellen High-End-Rahmen und gewissermaßen der Gegenentwurf zur Manu­faktur. Nachdem Telahr das Rahmen-­Design festgelegt hatte, bestand ein Großteil seines Jobs darin, die verschiedenen Entwicklungsschritte, die an Partnerfirmen außer Haus vergeben wurden, zu koordinieren. Dabei arbeitete Rose auch mit mehreren deutschen Spezialisten zusammen. Die ­Carbonstrukur des X-Lite Team hat ein deutsches Ingenieurbüro berechnet. Auch der erste fahrbare ­Prototyp wurde in Deutschland gefertigt. Erst nachdem dieser den Vorstellungen entsprach, begannen die Abstimmungen mit dem Produzenten des Rahmens in China. Alleine in den letzten sechs Monaten vor dem Serienstart flog Telahr dreimal nach Asien, um letzte Details zu klären.

Fotostrecke: Rose X-Lite Team-8800

Heute superleicht, morgen normal?

Am Ende dieses komplexen Entstehungs­prozesses ist der X-Lite Team rund 100 Gramm schwerer als die drei Superleicht­gewichte. Technisch steht er damit auf einer Stufe mit den Top-Rahmen namhafter internationaler Marken wie Cannondale, ­Canyon, Focus oder Scott. Gut ausgestattete Kompletträder auf Basis des X-Lite Team bietet Rose bereits unter 3.000 Euro an.

Bei nüchterner Kosten-Nutzen-Abwägung entkräften Modelle wie der X-Lite Team die Argumente für die sündteuren Superleichtgewichte. Wer so denkt, verkennt aber, dass es schon immer verrückte Projekte wie Émonda SLR, RCA und Vial Evo waren, die später als technische Meilensteine gewürdigt wurden. Als Scott 2004 den CR1-Rahmen als ersten Carbonrahmen unter 1.000 Gramm vorstellte, war das Staunen nicht geringer als heute bei den Rahmen, die weniger als

700 Gramm wiegen. Rahmen auf dem technischen Niveau des CR1 von 2004 finden sich heute bereits bei Kompletträdern der unteren Mittelklasse – siehe das Focus Cayo auf Seite 32. Wenn die Entwicklung so weiter­geht, sind die Rahmen, die uns heute fassungs­los machen, vielleicht schon in wenigen ­Jahren gar nicht mehr so außergewöhnlich.

                            

Manuel Jekel am 31.03.2015