Swiss Side Hadron Aero-Laufräder Swiss Side Hadron Aero-Laufräder
Laufräder

Test Aero-Laufräder: Swiss Side Hadron

Robert Kühnen am 10.10.2014

Aero-Laufräder machen schnell, aber sie sind teuer und nicht immer alltagstauglich. Ein junges Schweizer Unternehmen will beides ändern: Swiss Side hat ein Laufrad entworfen, das so windschnittig sein soll wie die besten der etablierten Konkurrenz – und das zum halben Preis. Das haben wir geprüft.

Ernst Pfeiffer überprüft noch mal den Nullpunkt seiner Sechs-Komponenten-Waage, dann startet er die Turbine, die den Wind erzeugt, und die ­Motoren, die die Laufräder in Schwung setzen. Dumpf heulend läuft die Turbine an, und durch eine Dämmscheibe verfolgen wir gespannt, wie der TOUR-Dummy-Rennradler Geschwindigkeit aufnimmt. Das Hinterrad mit blockiertem Freilauf, angetrieben durch die Rolle im Boden, setzt Kette und damit die Kurbeln in Bewegung. Die Glas­faser-Beine unseres Testers beschleunigen auf mehr als 90 Umdrehungen pro Minute. Die Waage im Boden erfasst nun, welche Kraft der Wind auf das Testrad ausübt. Diese Kraft müsste ein echter Radfahrer bei freier Fahrt als aerodynamischen Fahrtwiderstand überwinden, um sein Tempo zu halten – sie macht bei flotter Fahrt etwa 85 Prozent des gesamten Fahrwiderstands aus.

Wir befinden uns im GST-Windkanal in Immenstaad, auf dem Gelände von Airbus. Der schmucklose Flachbau dient TOUR seit zwei Jahren als Testbasis für Aero-Tests. Heute sind wir mit unserem Equipment auf Einladung der Schweizer ­Firma Swiss Side im Windkanal. Deren Gründer, die eigentlich aus der Formel 1 kommen und erst seit drei Jahren Laufräder fürs Rennrad entwickeln, wollen beweisen, dass ihre neuen Hadron-625-Laufräder aerodynamisch zur Spitzenklasse ge­hören. Das käme einer kleinen Revolution gleich, schließlich sollen die Laufräder nur 999 Euro ­kosten – das ist etwa die Hälfte des Preises der Top-Aero-Laufräder der Konkurrenz.

Zu den schnellsten Laufrädern, die TOUR bisher gemessen hat, gehört ohne Zweifel das 808 von Zipp. Nach Aussage der Schweizer sei man bei eigenen Messungen fast an dessen Performance heran­gekommen. Das klingt fast zu gut, um wahr zu sein: Die bauchigen Zipps sind mit 80 Milli­metern Felgen­höhe ausgewiesenes Zeitfahrmaterial, während das Hadron 625 mit seinen 62,5 Millimetern eigentlich in eine andere Liga gehört.

Daher haben wir verschiedene Laufräder zum ­Vergleichstest im Windkanal mitgebracht: neben dem Zipp 808 auch zwei sehr gute Aero-Laufräder der 60-Millimeter-Liga – Zipp 404 FC und Mavic CXR 60 T. Dazu noch einen "normalen" Standard-Laufradsatz: das Ksyrium Elite, das in vielen Rennrädern steckt.

Swiss Side Hadron Team

Das Hadron-Team: Die Firmengründer  Jean-Paul Ballard und George Cant (vorne) mit den Ingenieuren James Eddison und Christian Kleiner (hinten)

Kopf-an-Kopf Rennen

Auf dem großen Bildschirm unter der Decke des Kontrollraums beginnt eine dünne blaue Linie von links nach rechts zu krabbeln. Sie stellt den Widerstand dar, den die Waage misst. Christian Kleiner und James Eddison, Aerodynamik-Spezialisten beim Formel-1-Team Sauber, starren gespannt nach oben. Die beiden Ingenieure haben die Simulationsrechnungen durchgeführt, mit denen die Felgenform optimiert wurde. Zwei Monate lang rechnete ein Supercomputer in England mit ihren Datensätzen. Jetzt zeigt sich gleich, wie sich die Laufräder im TOUR-Testaufbau verhalten.

Die Widerstandskurve startet links unten (Schräg­anströmung von links), steigt dann bald an, formt einen Hügel in der Mitte (Wind von vorne) und fällt zum rechten Rand des Schirms wieder ab (Wind von rechts). Nach 70 Sekunden ist alles vorbei. Wir sehen die typische Widerstandskurve ­eines Rades, das mit Aero-Laufrädern bestückt ist. Richtig aussagekräftig wird diese Kurve aber erst durch den Vergleich mit der Referenz: Im nächsten Testlauf stecken Zipps 808 im Test-Rad – bei sonst identischen Bedingungen. Für einen fairen Vergleich haben wir auf den Rädern jeweils brandneue Reifen des Modells Continental GP 4000 S in 23 Milli­meter montiert, denn der Reifen nimmt deutlichen Einfluss auf die Laufrad-Aerodynamik.

Ziel knapp verfehlt

Die Widerstandslinie der Zipp 808 startet etwas unterhalb der Linie der Hadrons. Bei großen Anströmwinkeln (langsame Fahrt, viel Wind von der Seite) sind die Zipps also besser. Zur Mitte der Grafik (siehe rechte Seite oben) überlagern sich die Kurven aber – und nur bei großem Maßstab sieht man noch einen winzigen Vorteil für die Zipps. Ohne weitere Analyse ist schon jetzt klar, dass die Hadron-Laufräder aerodynamisch sehr gut sind. Wir machen eine Anzahl weiterer Versuche mit den 60-Millimeter-Aero-Rädern. Ergebnis: Die Kurven von Zipps 404 FC und Mavics CXR 60 T sind nahezu deckungsgleich mit der des Hadron 625. Nur der Standard-Laufradsatz Ksyrium Elite zeigt in der abschließenden Messung einen deutlich höheren Widerstand, insbesondere bei Seitenwind.

In unserer üblichen TOUR-Auswertung, in die die Einzelmessungen aus allen Anströmwinkeln unterschiedlich gewichtet einfließen, setzt sich der Laufradsatz Zipp 808 um drei Watt von den 60-Millimeter-Felgen ab – diese wiederum haben einen Abstand von elf Watt zu den Ksyrium-Rädern. Das bedeutet, mit den Zipp-Laufrädern muss der Rennfahrer bei einer Geschwindigkeit von 45 km/h drei Watt weniger Leistung aufbringen als zum Beispiel mit den neuen Hadron-625-­Rädern. Und das wiederum bedeutet: Die Hadron-Räder sind also keine neue Wunderwaffe im Kampf gegen die Uhr, bieten aber die gleiche Aero-Performance wie die besten 60-Millimeter-Felgen der etablierten Marken – und das zum nicht mal halben Preis.

Günstig und gut zu sein, darin sieht Firmengründer Jean-Paul Ballard, zuletzt verantwortlicher Ingenieur fürs Fahrzeugkonzept beim Sauber-Formel-1-Team, seine Marktchance: "Ich habe mich immer gewundert, dass das Rennradmaterial so teuer ist und mich gefragt, ob man nicht preiswerter eine gute Qualität bieten kann." Mit dem Entwicklungs-Know-how seines Formel-1-­Netzwerks, der Fertigung in Taiwan und ­einem Warenlager in England glaubt Ballard nun eine Lösung gefunden zu haben. "Wir setzen auf schlanke und weitgehend ­automatische Prozesse in der Auftragsabwicklung. Mit nur vier Mann Personal glauben wir, bis zu 20.000 Laufräder pro Jahr in den Markt bringen zu können." Der Vertrieb erfolgt direkt über die Webseite und über ein Netzwerk ausgesuchter Händler, das Swiss Side aufbauen möchte.

Swiss Side Hadron Aero-Laufräder Kurvendiagramm

Fahrwiderstände bei Anströmwinkeln zwischen -20° und +20°, gemessen mit Canyon-F8-Referenzrad und Dummy-Fahrer mit drehenden Beinen. Die Fahrwiderstände der Laufräder um 60 mm Felgenhöhe liegen sehr eng zusammen. Deutlich höher ist der Widerstand mit Mavics Ksyrium (schwarze Linie). Zipp 808 (81,5 mm, orange Linie) ist bei Anströmwinkeln über 10° etwas schneller.

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Swiss Side Hadron Aero-Laufräder Balkendiagramm

Die Widerstandskurven haben wir überführt in eine Wattzahl. Wir haben die gemessenen Widerstände bei den einzelnen Anströmwinkeln unterschiedlich gewichtet, um durchschnittliche Windverhältnisse bei einer Fahrgeschwindigkeit von 45 km/h zu zeigen. Der größte Unterschied liegt zwischen dem Standard-Laufrad Ksyrium Elite und den 60-Millimeter-Rädern. Dieser Unterschied lässt sich auch bei viel niedrigeren Geschwindigkeiten erfahren.

Schnell bei Gegenwind

Nicht nur im Windkanal haben sich die Hadron-Laufräder bewährt: Schon Wochen vor dem Windkanaltest stand uns ein Radsatz für Fahrtests und Messungen im TOUR-Labor zur Verfügung. Die Hadron-Räder sind Hybrid-Räder. Die tragende Felge ist aus Aluminium, die ­aerodynamische Verkleidung aus Carbon. Diese Bauweise senkt den Stress für Hersteller und Käufer: Mit verschweißter und präzise überdrehter Alu-Flanke ist die Bremswirkung sehr gleichmäßig und vorhersehbar.

Die Felgenbreite an der Bremsflanke beträgt 23 Millimeter – aus Gründen der Kompatibilität mit jeglichem Rahmen, betont Ballard. Die Carbonhülle misst an der breitesten Stelle 27 Millimeter und dient einzig zur ­Bändigung des Luftstroms. Die Form wirkt wie eine Mischung aus Zipps früherer Toriodaler Felgenform und den aktuellen Firecrest-Profilen. Ballard legt aber Wert auf die Feststellung, sich bei der Optimierung der Felge nicht an den Mitbewerbern, sondern ausschließlich an den eigenen Simulationsrechnungen orientiert zu haben (siehe Interview linke Seite).
Beim Fahren mit den Swiss-Side-Rädern fällt sofort der Klang auf. Die Carbonverkleidung rauscht deutlich ­vernehmbar und verstärkt die Abrollgeräusche – laut genug, dass ­Passanten ihre Köpfe drehen. Diesen typischen Zeitfahrsound muss man mögen. Wer ein geräuschloses Rad bevorzugt, wird mit den Hadrons wohl kaum glücklich.

Der Fahreindruck ist solide und schnell. Besonders bei leichtem bis mittleren Wind hat man das Gefühl, hart am Wind segeln zu können. Die Seitenwind­empfindlichkeit ist für die Bauhöhe eher gering, das Feedback in der Lenkung gutmütig. Bei leichten Böen oder wenn Lkws überholen, fährt man nur kleine Schlenker. Bei stark böigem Wind muss man den Lenker aber fest packen – für erfahrene Fahrer bleiben die Räder aber auch bei viel Wind beherrschbar. Im Vergleich zu Zipps 404 FC ist die Fahrt subjektiv etwas träger, was aerodynamische Gründe ­haben kann, aber auch an der höheren Masse (1.743 Gramm) und dem etwas schmaleren Felgenbett der Hadrons liegen mag.

Schwere fahrer?

Die seitliche Steifigkeit der Hadrons ist gering, vergleichbar mit Zipp 808 FC. Bei gleichmäßiger Fahrt spürt man davon kaum ­etwas. Schwere Fahrer mit kräftigem Wiegetritt sollten jedoch testen, ob die Laufräder das Richtige für sie sind. Freigegeben sind die Räder jedenfalls bis 105 Kilogramm Fahrergewicht und haben laut Hersteller Er­müdungsprüfungen mit Überlast bestanden. 18 bzw. 24 gerade Sapim CX-Ray-Speichen fesseln die hauseigenen Naben an die Felgen. Unter der Carbonverkleidung sitzen normale Messing-Nippel, die mit Steckschlüssel durch den gebohrten Felgen­boden gespannt werden. Der Service ist also unproblematisch, Ersatzspeichen werden mit den Rädern mitgeliefert.

Der Windkanaltest zeigt: Die Hadron-Räder sind nicht ganz so schnell wie erhofft, aber immer­hin so gut wie andere gute Laufräder dieser Bauhöhe. Die Alu-Bremsflanke und der attraktive Preis sind wesentliche Pluspunkte. Schnell muss nicht (sehr) teuer sein. Durch Know-how-Transfer aus der Formel 1 ist es dem Newcomer Swiss Side mit einem kleinen Team gelungen, an die Leistung ­großer Hersteller anzuknüpfen. Das Konzept, Ingenieurleistung aus der Schweiz mit Produktion in Taiwan und schlankem ­Vertrieb zu koppeln und so den Preis zu ­drücken, erinnert an die Erfolgsstrategie von Canyon. Wir dürfen gespannt sein, ob es Swiss Side gelingt, seinen Platz zwischen ­chinesischen No-Name-Rädern und den ­etablierten Marken zu behaupten. Eine ­Bereicherung für die Szene ist das Konzept der vier Schweizer auf jeden Fall. 

Swiss Side Hadron Aero-Laufräder

Swiss Side Hadron 625 Aero-Laufräder

FAZIT Swiss Side greift die etablierten Laufradbauer mit einer Mischung aus Technik, Transparenz und günstigem Preis an. Das Hadron 625 ist aerodynamisch auf Augenhöhe mit Zipp und Mavic und punktet gegenüber Vollcarbon-Rädern mit praxis­-taug­licher Aluminium-Bremsfläche. Der Geschwindigkeitsgewinn gegenüber einem Standard-Systemlaufrad liegt bei rund 1,5 Prozent.

STECKBRIEF SWISS SIDE HADRON

Preis  999 Euro
Info  www.swissside.com

Speichen v/h 1 8/24 Sapim Cx-Ray
Felge  Aluminium mit Carbon-Verkleidung für Drahtreifen
Breite x Höhe  23 x 62,5 Millimeter
Gewicht vorne/hinten  786/956 Gramm
Fahrergewichtslimit  105 Kilogramm
Seitensteifigkeit vorne/hinten  43/32 N/mm
Rundlauf  < 0,24 Millimeter
Rotor  Shimano/SRAM; Campagnolo
Lieferumfang  Laufradtasche, Schnellspanner, Felgenband, Ersatzspeichen

Robert Kühnen am 10.10.2014