Test 2018: Carbon-Laufrad BC Flechtwerg 45 Evo Test 2018: Carbon-Laufrad BC Flechtwerg 45 Evo

Test 2018: Carbon-Laufrad BC Flechtwerg 45 Evo

Flechtwerk Aero-Laufrad im Dauertest

Robert Kühnen am 02.01.2018

Carbonlaufräder aus ­deutscher Fertigung zum Schnäppchenpreis? Aero-Laufräder von Flechtwerk gehen für 899 Euro pro Paar derzeit weg wie warme Semmeln. Im TOUR-Dauertest zeigen die Räder aber Schwächen.

Carbonfertigung ist Handarbeit. Normalerweise. Und weil Handarbeit teuer ist, werden Carbonprodukte häufig in Asien gefertigt, wo die Lohnkosten gering sind. Die Flechtwerk-Laufräder jedoch sind Vorboten einer ­neuen Zeit, in der die Fertigung dank Automatisierung wieder nach Europa zurückgelangen könnte. Die Felgen der Lauf­räder werden in Taufkirchen bei München von Robotern geflochten. Der Hersteller Munich Composites ist spezialisiert auf die Herstellung von Hohlkörpern. Ist der Rohling geflochten, kommt er in eine Metallform, dann wird unter ­hohem Druck Harz injiziert und durch Erhitzen ausgehärtet.

Der Versandhändler Bike-­Components aus Aachen baut die ­Felgen mit leichten Naben von Newmen, die im Allgäu auf CNC-Maschinen gefertigt werden, zu Laufrädern auf, die dünnen Aero-Speed-Messerspeichen stammen von DT Swiss. Das ergibt einen 1.395 Gramm leichten Allround-Laufradsatz. Die 45 Millimeter hohe und außen 26 Millimeter breite Felge ist modern geformt und schneidet im Windkanaltest ähnlich gut ab wie die Zipp 404. Sie ist aber nur halb so empfindlich gegen Seitenwind und lenkt sich deshalb deutlich besser. Auf dem Papier also ein exzellentes Laufrad zum sehr günstigen Preis.

Die Laufräder fahren sich auch sehr schön, sie beschleunigen gut und rollen sehr leise. Nur die Stirnverzahnung des Rotors knattert im Freilauf vernehmlich, das kann man mögen oder auch nicht. Im Dauertest erweist sich aber das Bremsverhalten als Achillesferse der Laufräder. In Kombination mit den gelben SwissStopp-Belägen, die der Her­steller vorschreibt, ist die Bremsleistung eher schwach und wird umso schwerer dosierbar, je mehr Abrieb von den Bremsbelägen sich auf der Felge anlagert; dafür reichten im Test 50 Kilometer. Das Hinterrad stottert dann kaum noch ­kontrollierbar. Wird man erstmals und ohne Vorwarnung mit dem Phänomen konfrontiert, kann das richtig gefährlich werden; In dieser Form sind die Lauf­räder für Fahrten im ­Gebirge ungeeignet. Im TOUR-Forum berichten User ebenfalls von kritischem Brems­rubbeln mit den gelben Belägen. 

Das Vorderrad ließ sich hingegen ohne ­Vibra­­tionen verzögern. Der Belagverschleiß ist bei kräftigem Bremsen aber sehr hoch: Drei Vollbremsungen aus 60 km/h fraßen den halben Belag weg. Bremst man nur ­vorne, sind diese Stopps gut zu managen. Nach Absprache mit dem Hersteller haben wir auch die Black-Prince-Beläge von SwissStopp ausprobiert. Bei diesen ist das Bremsrubbeln am Hinterrad weniger stark aus­geprägt, nimmt mit der Zeit aber auch zu. Zum Vergleich: Die aktuelle Generation von Zipp oder Lightweight bremst deutlich kräftiger und gleichmäßiger. 

Als mögliche Ursache für das Bremsstottern haben wir, neben der Belag-Felgenkombi­nation, die ungewöhnlich welligen Felgenflanken im Verdacht. Im Labor haben wir die Felgen bzw. Bremsflanken vermessen und Schwankungen in der Breite von bis zu 0,23 Millimetern festgestellt. Stichproben an Carbon­felgen anderer Hersteller ergaben Schwankungen zwischen 0,05 und 0,1 Millimetern. Ein Laufrad mit bauartgleicher Felge von Aerycs, derzeit ebenfalls im Test, zeigt sogar 0,3 Millimeter ­Abweichung und bremst ebenfalls stotternd. Christian Lichtenberg, Projektleiter bei ­Munich Composites, kommentiert unsere Erfahrungen so: "Die Flechtwerk-Felge ist eines der ersten 2018er-Modelle, und sie ist uns durch die Qualitätssicherung gerutscht. Künftig werden wir eine hundertprozentige Kontrolle durchführen, um Bremsstottern auszuschließen." Außerdem will Lichtenberg zukünftig auch die Black-Prince-Beläge ­sowie Shimanos Carbonbeläge für die Felgen freigeben. Bike-Components hat TOUR gegenüber angekündigt, die qualitätsgeprüften Laufräder des Modelljahrs 2018 ab Ende 2017 liefern zu können.

PLUS   leicht, gute Aerodynamik, günstig
MINUS   Bremsstottern

Info  www.bike-components.de
Preis   899 Euro
Gewicht  1.395 Gramm
Seitliche Steifigkeit v/h  45/38 N/mm

Test 2018: Carbon-Laufrad BC Flechtwerg 45 Evo

Carbon-Laufrad BC Flechtwerg 45 Evo


Tour Titel 11/2017

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Robert Kühnen am 02.01.2018
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