Pioneer Powermeter Pioneer Powermeter

Powermeter von Pioneer im TOUR-Test

Pioneer Cyclo-Sphere und Leistungsmessgeräte im Check

Robert Kühnen am 19.06.2015

Elektronik-Riese Pioneer baut ein Leistungsmessgerät, das die Trittkräfte bildhaft darstellt. Ein Gimmick – oder die Zukunft der Leistungsmessung am Rad?

Platz ist in der kleinsten Nische: Möglicherweise ist das der Grund, weshalb der Elek­tronik-Weltkonzern Pioneer sich des Themas Powermeter angenommen hat – obwohl man davon sicher deutlich weniger verkaufen kann als von TV-Flachbildschirmen. 2013 brachte Pioneer eine erste Version seines Power­meters auf den Markt, 2015 folgt nun die zweite, die uns knapp drei Monate lang zum Testen zur Verfügung stand.

Der Clou des Systems ist, dass man während der Fahrt sieht, wie man tritt – und zwar für rechtes und linkes Bein getrennt. Damit ­können vor allem experimentierfreudige Sportler, die schon Erfahrung mit Power­metern haben, nicht nur ihr Training steuern sondern auch ihre Tretbewegung detailliert auswerten und eventuell optimieren – ­eventuell, weil neue Daten auch neue Fragen ­aufwerfen, von denen im Folgenden noch die Rede sein wird. ­

Das System, das nur mit Metallkurbeln funktioniert, besteht aus Sensoren für linke und rechte Kurbel (1.400 Euro pro Paar) ­sowie einem Fahrradcomputer mit berührungsempfindlichem Display (300 Euro).

DAS KANN DER NEUE VON PIONEER

Das Funktionsprinzip ist nicht neu und wird auch bei anderen Powermetern verwendet: Dehnmessstreifen, die bei Pioneer auf den Innenseiten der Kurbelarme angebracht sind. Tritt der Radler ins Pedal, "biegt" sich die Kurbel – Fachleute bezeichnen das als Dehnung –, was fürs Auge unsichtbar ist. Messen aber kann man das, mit sensiblen Sensoren, die diese Materialdehnung in zwei Richtungen erfassen: tangential zur Kurbel und radial in Richtung des Kurbelarms. Aus beiden Komponenten lässt sich für jede ­Kurbel getrennt die Gesamtkraft ermitteln und darstellen, in welche Richtung die ­Kräfte im Verlauf einer Kurbelumdrehung wirken. Alle 30 Grad – entsprechend den Stundenschritten eines Zifferblatts – stellt der Lenkercomputer (bzw. die Software bei der späteren Auswertung am Rechner) die Kräfte als Pfeile dar. Das ­System sammelt mehr Informationen, als ­der Funkstandard ANT+ verarbeiten kann, deshalb kann nur der zugehörige Pioneer-Computer die gesamte Informationsvielfalt darstellen. Die Kurbelsensoren l­assen sich aber auch auf den normalen ANT+ Standard umstellen und sind dann mit Lenkercomputern kompatibel, die ebenfalls diesen Funkstandard bedienen.

Fotostrecke: Cyclo-Sphere

MONTIEREN UND EINSTELLEN

Die Sensoren wiegen zusammen nur 66 Gramm und lassen sich derzeit nur mit Shimanos aktuellen ­Ultegra- und Dura-Ace-Kurbeln kombinieren ­(FC-6800 und FC-9000). Man kann ent­weder eigene Kurbeln nachrüsten, die man dazu über einen Händler an Pioneer einschicken muss, oder man kauft sie im Paket mit Shimano-Kurbeln. Wichtig: Zwischen linker Kurbel und Kettenstrebe muss ausreichend Platz sein, damit ­der 9 Millimeter hohe Sensor hindurchpasst. 

Der Einbau der sensorbestückten Kurbeln und beider Kurbel­magnete ist fummelig, man muss eine genau fest­gelegte Prozedur befolgen. Auch die sogenannte Temperaturkompensation erfolgt nicht ab Werk, ­sondern muss erst gelernt werden: Dazu muss man das System bei möglichst unterschiedlichen Temperaturen "nullen", was in der Praxis bedeutet, während der Ausfahrt vom Rad abzusteigen und Knöpfe zu ­drücken. Notwendig ist das, weil Temperatursprünge, zum Beispiel auf ­einer Passabfahrt, Spannungen im Metall der Kurbel hervorrufen können, die das Ergebnis der Dehnmessstreifen verfälschen. Im Rahmen der Temperaturkompensation speichert der Computer Korrektur­werte und bereinigt das Messergebnis. ­Einmal eingerichtet, ist das System dann aber relativ einfach zu bedienen. Die Kurbelbatterien sind leicht zu wechseln, die Lebensdauer der CR-2032-Batterien gibt Pioneer mit 180 Stunden an. 

DER LENKCOMPUTER

Der kompakte Computer wird im mitgelieferten ­Lenkerhalter doppelt verriegelt und liegt ideal im Blickfeld. Barometrische Höhenmessung und GPS-Empfang zum Erfassen der Strecke (nicht zum ­Navigieren) sind an Bord. Die Anzeige lässt sich umfassend konfigurieren – auf sechs Bildschirmseiten können je bis zu neun Datenfelder angezeigt werden. Die Bedienung ist dank Klartext-Menüs weitgehend selbsterklärend und erfolgt über den Bildschirm, der auf Druck und Wischen reagiert. Hinzu kommen drei seitliche Tasten am Gehäuse.

Der Touchscreen lässt sich gut bedienen, solange man sich darauf konzentrieren kann; die Hintergrund­beleuchtung des Displays aktiviert sich automatisch. Im Zuge der 25 Testfahrten meldete sich der Computer allerdings zweimal grundlos mitten in der Fahrt ab. Bei Fahrten durch den Wald verlor außerdem das GPS-Modul zeitweise den Satellitenempfang – die Folge davon war, dass die Start-Stopp-Automatik Stillstand in voller Fahrt registrierte und die Datenaufzeichnung anhielt. Ein zusätzlicher Sensor für die Geschwindigkeit ist daher empfehlenswert. Die Akku­laufzeit des 74 Gramm leichten Computers von zwölf Stunden ist eher knapp, der interne Speicher sammelt hingegen drei Gigabyte Daten, das ist erfreulich groß. Damit könnte ein Profi mindestens drei Jahre lang sein Training aufzeichnen.

Die Aufzeichnung der Daten aktiviert man durch Starten und Stoppen der Uhr. Nach der Fahrt schaufelt der Radcomputer die Daten via WLAN direkt auf ­www.cyclo-sphere.com – was sehr praktisch ist. 

UNGLEICHE BEINE

Die Analyse der Tretbewegung und die Darstellung im Display wird schnell zum meistgenutzten Feature, weil es dem Radler genau rückmeldet, wie er gerade tritt: Kraftvektoren illustrieren als Pfeile die Leistung beider Beine einzeln; zusätzliche Kennzahlen bewerten die Effizienz von linkem und rechtem Bein; dazu wird die Gesamtleistung angezeigt. Ändert man seinen Tretstil während der Fahrt, ist das anhand der Kraft-Pfeile nur schwer erkennbar; deutlicher zeigt es die Effizienz-Kennzahl. Als "Effizienz" definiert Pioneer das ­Verhältnis der tangential einwirkenden Kräfte zur Gesamtkraft und bewertet einen hohen Anteil tangentialer Kräfte als positiv. Folglich verbessert sich die Effizienz-Kennzahl, wenn man das Fußgelenk betont durch den unteren und oberen ­Umkehrpunkt der Kurbel (die Totpunkte) führt oder das Bein in der Aufwärtsbewegung aktiv hochzieht. Das Messsystem hilft also dabei, die eigene Tretbewegung genau zu analysieren. Man sieht, wie man tritt und kann den Tritt folglich auch gezielt verändern.

UND – BRINGT DAS WAS?

Ob diese bewusste Trittsteuerung nun eine neue ­Dimension des Trainings eröffnet, lässt sich nicht so leicht beurteilen. Die Effizienz wird auch dadurch ­beeinflusst, ob man schnell oder langsam tritt bzw. mit viel oder ­wenig Kraft. Man ist also mit einer ­hohen Effizienz-Kennzahl nicht zwangsläufig schneller. Außerdem ist die Definition der Effizienz im ­Rahmen der Pioneer-Berechnungen nicht frei von Fehlern. Im oberen und unteren Umkehrpunkt der Kurbel wirken Massenkräfte durch die Bewegungsumkehr der Beine. Diese durch aktive, zusätzliche Muskelarbeit zu kompen­sieren, verbessert zwar die Effizienz, ist aber nicht sinnvoll, weil diese Kraft keinen Vortrieb bringt – es wäre Energieverschwendung. Die Trainingswissenschaft hat noch keine Antwort darauf, ob und wie die Effizienz-Kennzahl fürs ­Training nutzbar ist. Das im Reha-Bereich seit vielen Jahren ­genutzte Caloped-­System folgt einem fortschrittlicheren Ansatz, weil es nicht nur die Kräfte am Pedal ­darstellt, sondern die Muskelarbeit der Beine – die es eigentlich zu optimieren gilt. Leider gibt es das nicht für den Einsatz im Straßenrennrad.

Die Daten lassen sich in der Pioneer-Cloud im Browser untersuchen und zu anderen Plattformen wie Strava oder Trainingpeaks exportieren. Die kosten­lose ­Pioneer-Plattform bietet ein Fülle von Möglichkeiten, die Daten zu analysieren, und sie ist hin­reichend schnell. Beeindruckend ist, dass man für jeden Punkt der Fahrt Tretkraft und Drehmoment darstellen kann und auf der Karte und im Fahrtschrieb sieht, wo das war. Für die Analyse sind einzelne Datenpunkte aber nicht so wichtig wie übergeordnete Funktionen, die Zusammenhänge sichtbar machen.

Insgesamt kann man die Daten in neun verschiedenen Grafikversionen darstellen, die viele, aber nicht alle Analysewünsche erfüllen. Erfahrene Nutzer werden die Daten vermutlich auf mindestens einem weiteren gewohnten System pflegen, um die Trainingsdokumentation zu vervollständigen, Intervalle zu speichern und andere Dinge zu tun, die die Pioneer-Software noch nicht zulässt. So fehlt derzeit beispielsweise eine Kommentarfunktion zum Training.

FÜR ENTHUSIASTEN

Eines ist jedoch klar: Pioneer bringt Bewegung in den Markt der Leistungsmessgeräte. Zusätzliche Daten ­eröffnen neue Möglichkeiten zu trainieren – sie auf­zubereiten wird aber immer komplexer, und die Interpretation der neuen Datentypen steht derzeit noch am Anfang. Es liegt nun also vor allem an der Sportwissenschaft, die richtigen Analyseansätze für die neue Datenflut zu entwickeln.

Powermeter von Pioneer im TOUR-Test

Informativ:  Kräfte, Effizienz und Leistungsverteilung ­beider Beine auf einen Blick im Display des Pioneer Powermeter

PLUS Links-rechts-Auflösung; Trittdarstellung; Software; WLAN
MINUS GPS-Aussetzer; Com­puteraussetzer; kurze Akku-Laufzeit des Computers; zwei Rahmen­magnete erforderlich

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Robert Kühnen am 19.06.2015