Kurbeln

Ausprobiert: Lange Kurbeln

Robert Kühnen am 30.05.2009

170 Millimeter, 172,5 oder 175 – viel mehr Auswahl an Kurbellängen gibt es nicht. Dass damit Rennradler aller Größen zurecht kommen, ist kaum plausibel. Rahmenbauer Uwe Marschall fertigt deshalb für große Menschen extra lange Kurbeln. Wir haben sie ausprobiert.

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Die Idee kam dem Dortmunder Rahmenbauer Uwe Marschall durch einen Kunden. Zurück von einer Amerikareise, zeigte dieser Marschall seine neuen, 200 Millimeter langen Kurbeln, die er beim amerikanischen Rahmenbauer Lennard Zinn gekauft hatte. Marschall selbst ist mit 1,85 Metern zwar kein Riese, hat aber eine Schrittlänge von 93 Zentimetern und damit sehr lange Beine für seine Größe. Er konnte sich die Kurbeln ausleihen und fuhr sie ein Jahr zur Probe. Schon nach kurzer Eingewöhnung fühlte er sich damit pudelwohl: “Die Umstellung dauerte ein paar Ausfahrten, aber mir kamen die langen Kurbeln von Anfang an sehr passend vor, obwohl sie viel länger waren als meine normalen.” Marschall machte eine interessante Beobachtung: “Früher musste ich mich nach jeder Ausfahrt stretchen. Seit ich die langen Kurbeln fahre, ist das nicht mehr notwendig. Außerdem bin ich damit schneller und schneide bei Rennen, die ich gelegentlich noch bestreite, besser ab.” Die erlebte Freiheit will der Rahmenbauer auch seinen Kunden bieten und ließ sich deshalb vom Ingenieur Stefan Reher den “Big-John”-Kurbelsatz entwerfen. Die langen Dinger entstehen auf einer modernen CNC-Maschine bei einem deutschen Spezialisten und sind in Längen von 150 bis 220 Millimetern erhältlich. Sie bedienen also nicht nur die Bedürfnisse besonders großer sondern auch besonders kleiner Menschen. Denn die normalerweise angebotenen Kurbeln reichen meistens nur von 170 bis 175 Millimeter, in Ausnahmen von 165 bis 180 Millimeter.

Die aus dem Vollen gefrästen Big-John-Kurbeln bestehen aus der hochfesten Aluminium-Legierung “7075” und werden in vier Eloxalfarben angeboten. Die optischen Anleihen bei Campagnolos “Super Record” der 80er-Jahre sind kein Zufall – das war Marschalls goldene Zeit als Rennfahrer. Dennoch sind die Kurbeln mit moderner Software komplett neu berechnet und laut Stefan Reher so ausgelegt worden, dass die Materialspannungen gleichmäßig und niedrig sind. “Dadurch wurden sie auch sehr steif”, erklärt der Konstrukteur. Das Gewicht war Marschall und Reher hingegen nicht so wichtig. Die 200 Millimeter langen Kurbeln wiegen mit Kettenblättern (55/42) 962 Gramm. Dass die Kurbeln nur auf den klassischen Achsvierkant passen, ist vor allem der Kleinserie geschuldet. Marschall: “Für die aktuellen Verbindungssysteme hätten wir Räum nadeln gebraucht (ein spezielles Produktionswerkzeug, Anm. der Red.), das hätte die Kosten zu sehr in die Höhe getrieben. Der Vierkant ist für meine Zwecke ein guter Kompromiss.”

Das Gefühl – genau richtig

Wie aber fühlt es sich nun an, solche langen Kurbeln zu fahren? Für den Selbstversuch stellte uns Marschall seine eigene, passende Rennmaschine zur Verfügung. An deren Rahmen ist das Tretlager höhergelegt, so dass trotz der langen Kurbeln die Bodenfreiheit erhalten bleibt.

Der erste Ritt fühlt sich nicht so fremd an wie befürchtet. Nachdem die Sattelhöhe um 2,5 Zentimeter nach unten korrigiert ist – die Längendifferenz gegenüber der gewohnten 175er-Kurbel – geht es gut voran, mit weit ausholenden Tritten. Das fühlt sich frei und raumgreifend an. Etwas ungewohnt, aber nicht falsch. Eher genau richtig. Natürlich melden sich nach einer Weile einige Muskeln, die ihre eingeschliffenen Bewegungsmuster verändern müssen, aber unangenehm ist das nicht, und Muskelkater gibt es anschließend auch keinen.

Die Trittfrequenz sackt auch nicht so ab wie vermutet, sondern pendelt sich nur knapp unter den gewohnten Werten ein. Hundert Umdrehungen pro Minute sind auf Anhieb möglich, wenn man will. Marschall hat eine mächtige Übersetzung montiert: 55/42 die Kettenblätter, Ritzel von 12 bis 23 – Indiz dafür, dass er größere Gänge

langsamer tritt. Das verursacht zunächst etwas Stirnrunzeln, denn auf dem Testparcours lauern giftige Anstiege von 14 Prozent Steigung. Aber im Wiege tritt offenbart sich dann ein deutlicher Unterschied der langen Kurbeln. Der dicke Gang lässt sich viel leichter bewegen als sonst, die Beine übersäuern nicht so schnell. Es fühlt sich an, als steige man eine Treppe mit passender Stufenhöhe empor, anstatt mit langen Beinen über viel zu niedrige deutsche Normtreppenstufen zu stolpern. Big John vermittelt das Gefühl, dass die Stufenhöhe passt. Auch sitzend am Berg sind deutlich größere Gänge fahrbar. Das sind, wohlgemerkt, zunächst sehr subjektive Eindrücke und keine gesicherten Erkenntnisse, dass eine längere Kurbel tatsächlich schneller macht. Aber es macht neugierig.

Kaum erforscht

Was sagt die Wissenschaft dazu? Bislang noch recht wenig. Es gibt kaum Studien zu dem Thema, und die wenigen kommen zu keinen eindeutigen Ergebnissen. Wunder sind keine zu erwarten: Das Dauerleistungsvermögen wird vor allem von der maximalen Sauerstoffaufnahme diktiert, und die ändert sich nicht durch die Kurbellänge. Und da Leistung physikalisch das Produkt von Geschwindigkeit mal Kraft ist, lässt sich dieselbe Leistung mit sehr verschiedenen Kombinationen aus Kraft, Kurbellänge und Drehzahl erzielen. Trotzdem gibt es deutliche Hinweise darauf, dass man mit der individuell optimal langen Kurbel schneller ist – also einen besseren Wirkungsgrad erzielt. Der Trettechnik-Experte Wolfgang Petzke, der auch schon mit revolutionären Ansätzen zum runden Tritt Aufsehen erregt hat, ist der Meinung, “dass große Fahrer proportional längere Kurbeln benötigen, um ihre Muskulatur effizient ein zusetzen.” Petzke vergleicht die Kurbellänge am Rad mit der Schrittlänge beim Laufen: “Große Läufer machen größere Schritte als kleine, aber ihre Schrittfrequenz ist niedriger. Zu einem gewissen Grad ist die Schrittlänge aber auch frei wählbar.” Der Rat des Experten: “Experimentieren Sie beim Laufen mit der Schrittlänge. Das ist leicht möglich und gibt Ihnen schon mal ein Gefühl für das Thema.”

Eigentlich sagt einem schon der gesunde Menschenverstand, dass Beinund Kurbellänge in einem bestimmten Verhältnis stehen müssten, um für gleiche Bewegungen gleiche Gelenkwinkel bei kleinen, mittelgroßen und großen Menschen zu erreichen. Man setzt ja auch keinen Erwachsenen auf einen Kinderstuhl. Vorlieben groß gewachsener Rennfahrer unterstützen diese These, sie greifen zu langen und überlangen Kurbeln. Rolf Aldag (1,90 Meter) fuhr 180er-Kurbeln an seinem normalen Straßenrad. Der Spanier Miguel Induraín (1,88 Meter) trat bei seinem Stundenweltrekord 1994 sogar 190er-Kurbeln, die Campagnolo speziell für diesen Zweck fertigte.

Die Kurbelformel

Rahmenbauer wie Marschall, Zinn und andere meinen auf Grundlage ihrer Erfahrungen, dass 20 bis 21 Prozent der Schrittlänge ein guter Anhaltspunkt für die Kurbellänge sind. Danach würden handelsübliche Kurbeln von 170 bis 175 Millimetern gerade mal für Köpergrößen von 1,70 bis 1,84 Meter passen (was etwa 81 bis 88 Zentimetern Schrittlänge entspricht). Wer kleiner oder größer ist oder überdurchschnittlich lange oder kurze Beine hat, könnte von maßgeschneiderten Kurbeln profitieren. Bei den großen Herstellern ist man weniger flexibel. Zwar werden die Kurbeln mit zunehmender Rahmengröße länger – aber nicht proportional sondern innerhalb der engen Grenzen des Angebots der großen Komponentenhersteller von 170 bis 175 Millimeter. Die verfügbaren Kurbellängen sind in den vergangenen Jahren sogar noch weniger geworden. Campagnolo und Shimano liefern nur noch die Top-Modelle “Super Record” und “Dura-Ace” mit Längen über 175 Millimeter, SRAM bietet 177,5 Millimeter auch bei den günstigeren Modellen. Fritz Baumgarten von Campagnolo Deutschland erläutert, warum das so ist: “Die Einengung hat vor allem wirtschaftliche Gründe. Zum einen ist es teuer, verschiedene Kurbellängen zu fertigen, zum anderen aufwendig, alle denkbaren Kombinationen vorrätig zu halten.” Die meistverkaufte Länge ist nach Baumgartens Aussage 172,5 Millimeter.

Aus wirtschaftlicher Sicht mag das sinnvoll sein, inhaltlich nicht. Immerhin verschafft die Produktpolitik der großen Hersteller Nischenanbietern wie Marschall ein interessantes Betätigungsfeld. Kurbellängen jenseits gängiger Normen verlangen nämlich nach deutlichen Anpassungen der Rahmengeometrie – ansonsten leidet die Bodenfreiheit oder kollidieren Kurbeln oder auch die Schuhe mit Hinterbaustreben und Vorderrad, um nur zwei Handicaps für extra lange Kurbeln zu nennen. Andererseits: Ein besseres Argument für individuellen Rahmenbau lässt sich kaum finden.

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Robert Kühnen am 30.05.2009