Rapha Super Cross Rapha Super Cross

Rapha Super Cross

Augen zu und durch!

Jens Klötzer am 18.10.2016

Das Rapha Super Cross zelebriert eine Nischendisziplin des Radsports als Volksfest und lockt weltweit sogar Anfänger zu den Rennen. Ob das Party-Konzept auch in Deutschland funktioniert, haben die Veranstalter im Münchener Olympiapark ausprobiert. TOUR war 2014 bei der Premiere dabei.

Lars Hartwich gibt schon in der ersten Runde des Vorlaufs alles. Mit schmerzverzerrtem Gesicht fährt er in der Spitzengruppe auf die scharf riechende Alkoholwolke zu. Er verlässt als Einziger den abgesteckten Rennkurs, greift ohne anzuhalten nach einem der gereichten Plastikbecher und schüttet sich einen doppelten Tequila in den Hals. Der folgende Atemzug gleicht dem eines Ertrinkenden, seine Miene ist jetzt noch verzerrter. Doch Hartwich hat den Konkurrenten ein Schnippchen geschlagen und gute hundert Meter Vorsprung, als er auf schmalen Stollenreifen die von verschüttetem Schnaps aufgeweichte Wiese verlässt und wieder auf die Rennstrecke biegt. Damit hat in Runde eins niemand gerechnet. Das Publikum grölt.

Etablierte Vorbilder
Der "Tequila­Shortcut" ist eine Spezialität des Rapha Super Cross. Eine, die das sportliche Ergebnis des Jedermann­Rennens absichtlich verzerrt und unterstreichen soll, dass es hier weniger um Höchstleistungen als um den Spaß an der Sache geht. Die Fahrer können einen Teil des Rundkurses abkürzen und deutlich bessere Rundenzeiten erzielen, als es Fitness und Fahrtechnik normalerweise zulassen würden. Die Gegenleistung: der "Genuss" eines hochprozentigen Getränks – was durchaus eine Herausforderung ist, wenn die Körperfunktionen gerade im roten Bereich ablaufen, und bei übermäßigem Verzehr auch noch gehörig die Fahrtechnik beeinträchtigt. Mit den Abkürzungen sollte man bei acht Runden in einer guten halben Stunde Rennzeit also klug haushalten.

Die Austragung des Events in München ist der jüngste Spross einer Rennserie, die in England, Australien, USA und Japan bereits etablierte Vorbilder hat. In Gloucester (Massa­ chusetts, USA) und in Nobeyama (Japan) zählen die Termine sogar zum Rennkalender der UCI, wobei in den Eliterennen natürlich weder Shortcut noch Alkohol erlaubt sind – beides bleibt den Hobbyklassen vorbehalten. Tausende Besucher und Hunderte Teilnehmer machen die Renntage dort zu Volksfesten, wie man sie sonst nur aus Belgien kennt, dem Heimatland des Cross­Sports.
Das Rezept ist immer gleich: zuschauerfreundliche Rundkurse auf engem Raum, und dazu ein familientaugliches Rahmenprogramm. Die Standorte liegen zentral und haben viel Laufpublikum, die Startgebühren für Hobbyfahrer sind günstig und die Strecken auch für Anfänger fahrbar. Elemente wie die Schnaps-Abkürzung, eine Schaumwand, die durchfahren werden muss, und ein Bierzelt mit Blaskapelle, durch das der Kurs ebenfalls führt, bieten Unterhaltung für die Zuschauer und symbolisieren die geringen Erwartungen an den sportlichen Ehrgeiz der Teilnehmer. Die Hobbyfahrer bestreiten diese Rennen im Gegenzug gerne in verrückten Kostümen. Belgische Fritten, Bier und kostenlos verteilte Kuhglocken heben Stimmung und Geräuschkulisse im Publikum auf Partyniveau.

Gute Voraussetzungen
Die Voraussetzungen für ein gut besuchtes Event könnten an diesem Septembersonntag in München kaum besser sein. Parallel steigt nicht weit vom Renngeschehen das Oktoberfest, da lohnt sich ein Ausflug in die Stadt. Das Wetter ist spätsommerlich, und der Standort im Olympiapark dürfte für Cross-Fans ein besonderer Magnet sein: Zweimal, 1985 und 1997, fanden hier Cross-Weltmeisterschaften statt, dabei gab es mit Klaus-Peter Thaler und Mike Kluge auch zwei deutsche Weltmeister. Der Kurs des Jedermann-Rennens führt über große Teile der Original-Strecken.
Dennoch ist in München bei der Premiere noch nicht ganz so viel los wie bei den Pendants in Übersee, von vielen Highlights sind nur Ansätze zu sehen: Für ein zusätzliches Profi-Rennen reichte den Veranstaltern weder die Vorbereitungszeit von einem halben Jahr noch das Budget. Es gibt, aus vertraglichen Gründen, dünnes Bier aus Plastikbechern vom offiziellen Catering-Partner des Olympiaparks, zu den üblich hohen Preisen der Landeshauptstadt. An der Schaumkanone gibt es technische Probleme, die "Wand" hat nur am Anfang des Tages die geplanten Ausmaße und schrumpft bald zu einem kniehohen Teppich, der kein Hindernis mehr darstellt. Und lustig verkleidet ist von den Fahrern nur Ronny Hörmann aus Salzburg – als Marienkäfer. "Ich bin bisher drei oder vier Crossrennen gefahren und wurde immer Letzter. Die Aufmerksamkeit hole ich mir nun mit dem Kostüm", sagt er. "Schade, dass ich der Einzige bin." Dennoch bereut der Österreicher die weite Anreise nicht, denn die motivierenden "Flieg, Marienkäfer, flieg!"­Rufe aus dem Publikum honorieren seinen Mut. Auch die gute Organisation des Rennens und die Stimmung an der Strecke findet er klasse.

Lars Hartwichs Distanz zu den Verfolgern ist in der dritten Runde des Vorlaufs auf 20 Meter geschrumpft. Sportlich kann er nun nicht mehr zulegen. Zeit für den nächsten Tequila. Den Schluck Hartgebrannten würgt er zwischen zwei Zügen seiner Schnappatmung hinunter wie ein Kind einen Löffel bitteren Hustensaft. Man sieht ihm deutlich an, dass das kein Vergnügen ist. Die Zuschauer feuern ihn umso mehr an – der athletische Fahrer des RSC Betzdorf mit den tätowierten Armen und Tunnelschmuck im Ohr entwickelt sich zum Publikumsliebling. Motivationsrufe und Glockengeläut peitschen ihn mit gutem Vorsprung in die nächste Runde, denn zumindest die vorderen Kontrahenten trauen sich in der ersten Rennhälfte noch nicht an den Alkohol.

Glückliche Fügung
Sponsor und Initiator des Spektakels ist das britische Radsportmode­Label Rapha. Die Events sind Teil einer markanten Marketingstrategie, die weniger den Rennsport als vielmehr Lifestyle, Gemeinschaft und besondere Erlebnisse auf und mit dem Rad in den Vordergrund stellt. Mit der Eröffnung eines Marketing­Büros in der bayerischen Landeshauptstadt entstand die Idee, das Konzept Super Cross auch nach Deutschland zu holen. Das war im März 2014. Bei der geringen Vorlaufzeit und dem Stellenwert, den Cross in Deutschland hat, ein mutiges Unterfangen. Und eine Herausforderung für Ricky Buckenlei, Marketing­Managerin bei Rapha und hauptverantwortlich für die Ausrichtung des Events in München. Für sie war es eines der ersten Projekte im neuen Job. Erfahrungen in der Event­Organisation hatte sie bereits, für die Planung des sportlichen Teils holte sie den Münchener Traditionsverein RC Schwalbe ins Boot. Ein Glücksgriff in mehrfacher Hinsicht.
Schon in den 1970er­Jahren veranstaltete der Verein Crossrennen im Olympiapark, bei den Weltmeisterschaften an gleicher Stelle fungierten "die Schwalben" ebenfalls als Ausrichter. Sie haben viel Erfahrung bei der Streckenplanung und wichtige Kontakte zu den verantwortlichen Betreibern und Behörden. Aber auch für Buckenleis Ansprechpartner Robert Klimsa, seit 2013 Vorsitzender des RC Schwalbe, war die Anfrage ein glücklicher Zufall. "In dieser Zeit unternahmen wir unabhängig von Rapha eigene Anstrengungen, wieder ein Crossrennen im Olympiapark auszutragen", erzählt Klimsa. "Das hier war zwar ein völlig anderer Ansatz, aber einer, der uns gefallen hat, weil er neue Leute anspricht. Einen starken Partner konnten wir gebrauchen." Auch Ricky Buckenlei hat mit dem Super Cross mehr im Sinn, als die Marke des Hauptsponsors bekannter zu machen: "Wir wollen damit den Staub ab­ klopfen und mindestens wieder Zuschauer für den Sport begeistern. Noch besser wäre es natürlich, wenn wir auch neue Interessenten zur Teilnahme an so einem Rennen bewegen könnten."

Unsichere Quereinsteiger
Zu diesen neuen Interessenten gehören auch Christiane Happe aus Freiburg und der Münchener Kalle Kind. Sie nehmen an einem der kostenlosen Workshops teil, um sich noch am Vormittag vor dem Rennen die fahrtechnischen Grundlagen für den Cross­Wettbewerb anzueignen. Für beide ist es die erste Berührung mit der Nischensportart. Christiane ist bisher nur Mountainbike und Rennrad gefahren; ihr Rad ist ein ausgemusterter Crosser ihres Freundes, der schon seit einigen Jahren regelmäßig an Hobbyrennen teilnimmt. Der 31­jährige Kalle besitzt zwar einen eigenen Crosser, den hat er bisher aber nur als Stadtrad und für gelegentliche Ausflüge auf dem Isar­Radweg genutzt – sonst treibt er fast keinen Sport."Gibt es vielleicht irgendeinen Trick, um sich zu überwinden, aus vollem Lauf da draufzuspringen?", fragt Christiane ihren Instruktor skeptisch. Sie weiß noch längst nicht, ob diese Art des Radsports überhaupt was für sie ist. Gerade die Technik des Ab­ und wieder Aufsteigens bei Tragehindernissen kommt ihr als unnötig gefährliches Übel vor, das ihr schon vor dem Rennen die Nerven raubt. "Wie soll das erst in der Hektik des Wettkampfs werden?", fragt sie sich besorgt. Kalle kommt etwas besser klar, nervös ist er dennoch. Ihm machen vor allem der Ehrgeiz der erfahrenen Starter und die kurze, aber steile Abfahrt auf der Rennstrecke Sorgen. Aber nachdem es unter professioneller Anleitung ein paarmal ganz gut geklappt hat mit dem Aufsteigen, entscheiden sich beide, das Startgeld zu entrichten, eine Nummer ans Trikot zu heften und den Transponder ums Bein zu kletten – das Jedermann­Rennen im Münchner Olympiapark soll ihr erstes Crossrennen werden.

Fünf Tequila zum Start-Ziel-Sieg
Für Lars Hartwich läuft die achte und letzte Runde des Vorlaufs, sein Vorsprung ist wieder knapp. Langsam gehen ihm die Körner aus, so richtig konzentriert fährt er auch nicht mehr. Viermal musste er schon durch die Tequila­ Abkürzung, um seine Führung zu verteidigen. Ein letztes Mal verlässt er die Strecke, greift im Vorbeifahren zum Glas und kippt es in Richtung Mund. Die Hälfte geht daneben und besudelt Trikot, Hose und Rad. Die andere Hälfte lässt ihm die Gesichtsmuskeln entgleisen wie beim Biss in eine Zitrone. Andere Teilnehmer greifen nun auch zum Schnaps, aber keiner ist nah genug, um Hartwich die Führung noch streitig zu machen. Die gefährlichsten Verfolger verzichten auf den Alkohol. Der Streckensprecher überschlägt sich in seinen Kommentaren zu der verwegenen Taktik. Hartwich verträgt offenbar einiges und fährt im zweiten Vorlauf mit fünf Tequilas einen souveränen Start­-Ziel-­Sieg ein.

Im Verlauf des Tages werden sich die Organisatoren immer sicherer, dass ihr Konzept aufgeht. Mit allen Nachmeldungen haben sich 180 Teilnehmer allein für das Jedermann­Rennen angemeldet. Da sich das schon in der Woche vor dem Event abgezeichnet hatte, musste das Rennen auf zwei Vorläufe und ein Finale verteilt werden, weil der Kurs nicht so viele Starter gleichzeitig verträgt. Die vielen Nachwuchsrennen – es gibt ein U5­Laufrad­ Rennen und ein MTB­Rennen für 11­ bis 17­Jährige in sechs Altersklassen – haben auch viele Familien an die Strecke gelockt. "Der Fokus auf Nachwuchs und Breitensport war uns extrem wichtig", sagt Robert Klimsa vom RC Schwalbe. "Aber das war natürlich auch ein Türöffner bei den Behörden." Etwa tausend Zuschauer säumen zur besten Zeit die Strecke und feuern die Teilnehmer an. Eine Resonanz, die nicht nur überdurchschnittlich ist für eine Crossveranstaltung in Deutschland – sie übertrifft auch die Erwartungen der Veranstalter.

Das Finale der besten 15 aus den beiden Vorläufen geht nur über vier Runden. Ein Glück für Lars Hartwich, der schon etwas duselig ist und auf dem Rad längst an seine Grenzen kommt. Aber der letzte Lauf ist schon in der ersten Runde kein Rennen mehr. Alle Fahrer halten jetzt in jeder Runde am Tequila­ Stand an, feiern mit dem johlenden Publikum, verteilen den Schnaps an die Zuschauer. Kalle Kind steht derweil breit grinsend mit einem Bier in der Hand auf einem Hügel und hat einen guten Überblick über die skurrile Szenerie. Er ist zufrieden mit seinem Rennen. Er ist nicht gestürzt und nicht Letzter geworden. Lars Hartwich wird am Ende Zwölfter – was längst keine Rolle mehr spielt. Bei der Siegerehrung im Licht der untergehenden Sonne gibt es fast nur lachende Gesichter. Lediglich Christiane Happe schaut etwas unglücklich drein. Sie hat Minuten vor dem Start ihre Nummer und den Transponder wieder abgegeben und ist nicht mitgefahren, die Nervosität war zu groß. Jetzt ärgert sie sich darüber. Aber beim nächsten Hobby­Crossrennen in Rosenheim will sie definitiv am Start stehen.

Fotostrecke: Rapha Super Cross

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Üben vor dem Start:

Christiane Happe lässt sich vor dem Rennen die Fahrtechnik- Grundlagen beibringen

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Mutprobe:

Einen Teil der Strecke darf man abkürzen. Gegenleistung: einen Tequila trinken

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Crosser, Marsch!

Eine bayerische Blaskapelle spielt bei der Fahrt durchs Bierzelt auf

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Knallhart taktiert:

Lars Hartwich aus Betzdorf gewinnt den zweiten Vorlauf in beeindruckender Manier

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Nicht ganz perfekt:

Der "Schaumwand" fehlt ein wenig die Höhe. Aber auch knietief ist sie ein Spaß für die Fahrer

Rapha Super Cross

Läuft:

Ricky Buckenlei ist glücklich über den positiven Anklang "ihres" Events

Jens Klötzer am 18.10.2016
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