24-Stunden-Rennen Kehlheim 24-Stunden-Rennen Kehlheim

24-Stunden-Rennen Kehlheim

Radsport-Party

Kristian Bauer am 28.09.2016

Das 24-Stunden-Rennen von Kelheim feierte Mitte Juli seine 20. Austragung. Während die einen auf dem Rad schwitzen, kommen andere nur zum Feiern. Ein gelungener Mix, der in Deutschland einzigartig ist

Vor dem Bierzelt in Kelheim brät ein Ochse am Spieß, drinnen sausen die Radfahrer zwischen Absperrgittern einmal quer hindurch. Auf der eine Seite werden sie hineingespült ins Festzelt, auf der anderen wieder hinaus,  begleitet von hüpfenden Kindern auf der Bühne und von den Beats, die DJ Tom Larusso seiner Anlage entlockt.
Die Fahrt durchs Bierzelt ist obligatorischer Teil der Altstadtrunde beim 24-Stunden-Rennen. Zwischen den Durchfahrten liegt für die Teamfahrer die Wechselzone und für die Einzelfahrer eine enge Schleife, die sie um die Mariensäule von Kelheim zurücklegen müssen. Gleich nebenan, in den Seitengassen der Altstadt, drängt sich alles, was nicht Rad fährt, um sich mit gebrannten Mandeln, Zuckerwatte, Wurstsemmeln oder Chicken­Wraps einzudecken.
Amateur-Radsport lockt in Deutschland meist weniger Zuschauer als die Flamenco-Gruppe der örtlichen Volkshochschule. Umso überraschender, dass ausgerechnet im ländlichen Niederbayern Hobbyradsport zum Massenereignis wird: 187 Teams mit jeweils fünf Fahrern, 177 Einzelstarter und 11 Einzelfahrerinnen sind in diesem Jahr gestartet. Wie viele Tausend Menschen an diesem Juli-Wochenende nur zum Zuschauen und Feiern nach Kelheim kamen, hat dagegen niemand gezählt.
Wenige Stunden vor der Bierzelt-Eröffnung warten am Alten Hafen Hunderte trainierter Radlerbeine auf ihren Einsatz. Die dazugehörigen Gesichter wirken fokussiert und entschlossen – gerade in den ersten Reihen. Nach dem Startschuss um 14 Uhr entlädt sich die Anspannung, die ersten Fahrer entschwinden mit hoher Trittfrequenz und sprinten kraftvoll in den Anstieg zum Stausacker Berg, der direkt hinter dem Ort beginnt.
An den Beifall klatschenden Zuschauern fliegen die unterschiedlichsten Trikots vorbei: von großen Jedermann-Teams, Vereinen und vielen lokalen Mannschaften. Die Reihe der Fahrer reißt nicht ab. Weiter hinter wirken die Gesichter der Radler zunehmend entspannter, nicht jeder denkt an den Kampf um Sekunden – für sie und besonders für die Einzelstarter sind 24 Stunden Radfahren einfach ein großes, langes Abenteuer.

ENTSTANDEN AUS EINER REGENRUNDE
Dass es in der Stadt gutes Bier gibt, verdanken die Kelheimer der Benediktinerabtei Weltenburg, der ältesten Klosterbrauerei der Welt, sowie dem Weißen Brauhaus, der ältesten Weißbierbrauerei Bayerns. Dass es auch ein großes Radrennen gibt, verdankt Kelheim Rudi Eberl, der als Erfinder des 24-Stunden-Rennens gilt. In den 1990er-Jahren kreiselte er mit den Radlern des RSC Kelheim bei unberechenbarem Wetter gerne auf der 16 Kilometer langen Runde über den Stausacker Berg. Die Idee: Bei Regen konnten sie jederzeit abbrechen und nach Hause fahren. Weil es wider Erwarten meist doch trocken blieb, drehte die Radgruppe die Runde ein ums andere Mal.
"Wie oft kann man das wohl am Stück fahren?", fragten sich die RSC-Radler – und die Idee für das 24-Stunden-­Rennen war geboren. Dass die Premiere 1996 bei 24 Stunden Dauerregen stattfand, gilt heute als Ironie der Geschichte. 35 Teams waren es im ersten, 50 im zweiten Jahr, und als 1999 der erste Einzelfahrer an den Start ging, dachte man zunächst an einen Irrtum bei der Anmeldung. Inzwischen hat vor allem die Zahl der Einzelstarter deutlich zugenommen, und es wird viel schneller gefahren. "Früher san mehr Spaßradler dabeigwes’n. Da san auch welche in der Lederhose gfahr’n und ham zum Schwammerlsuchen ang’halten", erinnert sich Hans Stockbauer. Der 61-Jährige muss es wissen: Seit der Premiere war der Kelheimer jedes Jahr dabei.
Jetzt sitzt er entspannt auf einer Bierbank und wartet auf seinen Renneinsatz. Zusammen mit Raimund Schiller (54), Alfred Rausch (52), Anton Schäffer (58) und Gerd ­Honig (53) fährt er im Team "Bauers Sun Racers – das Top-Team der Mittelklasse". Sie seien ehrgeizig, sagt Stockbauer, aber ohne Siegeschancen. Dennoch werden sie seit elf Jahren von einem Solar-Unternehmen gesponsert, vorher von einer lokalen Gastwirtschaft.
Das Sponsoring ist eine besondere Tradition des Rennens; zahlreiche kleine und große Betriebe aus der Region unterstützen Teams, bezahlen Startgeld und Trikots. So finden sich neben Bauers Sun Racers Teamnamen wie Kreissparkasse Kelheim, Glasservice Weber, Café Markl, Schloßgaststätte Oberlauterbach oder Team BayWa auf der Startliste. Das Interesse am Radsportsponsoring ist
in Kelheim so groß, dass einzelne Betriebe sogar mehr als eine Mannschaft an den Start schieben und von sich aus ein Team suchen.
Das ist umso erstaunlicher, als das Startgeld nicht gerade niedrig ist: 500 Mark waren es zu Beginn, inzwischen kostet jede Mannschaft 350 Euro. Mit den Einnahmen kann der RSC Kelheim eine professionelle Infrastruktur finanzieren, Vereinsausfahrten und Projekte subventionieren und Geld für wohltätige Zwecke überweisen. Seit 1997 wurden bereits mehr als 140.000 Euro gespendet.

IM AERO-EINTEILER WATT SPAREN
Team Bauers Sun Racers versucht jedenfalls seit 20 Jahren – mit gelegentlich wechselnder Besetzung –, seinem Sponsor alle Ehre zu machen und sein Bestes zu geben. Sie sind gut vorbereitet, tragen einheitliche Trikots und unterhalten ein "Mannschaftsquartier" in Sichtweite der Wechselzone. Dort residiert Waltraud Schiller, Ehefrau von Raimund und die heimliche Team-Managerin. Sie schickt die Fahrer auf die Strecke und fungiert nachts als pünktlicher Wecker. In einer sorgfältig geführten Liste hat sie die voraussichtlichen Wechselzeiten und die Fahrtdauer notiert.
Reine Routine, denn Waltrauds Aufzeichnungen dokumentieren schon seit Jahren jede Runde jedes Fahrers. Wer einmal gebummelt hat, kann das auch Jahre später noch Schwarz auf Weiß nachlesen. "Wir fahren schon mit Ehrgeiz, auch wenn wir nicht gewinnen können und natürlich älter werden", betont Raimund Schiller. "Unser wichtigstes Ziel ist, schneller zu sein als das Team Winzer Old Man. Die kennen wir gut, und denen fahren wir schon seit Jahren hinterher."
Hans Stockbauer schiebt sein Rad in die Wechselzone. In zwei Reihen warten rund
70 Fahrer auf ihren Renn-Einsatz. Hans stellt sich eine Viertelstunde vor dem erwarteten Wechsel an, um rechtzeitig bereit zu sein und den symbolischen Staffelstab – eine Trinkflasche – zu übernehmen. Die besten Warteplätze behaupten Fahrer von Strassacker, Merkur Druck und Ernstl’s Sport, um die Spitzengruppe nicht zu verlieren. Wie ernst der Kampf um die Spitze ist, zeigt schon ihr Material: Viele fahren im Aero-Einteiler, um Watt zu sparen. Wenige Minuten, nachdem die Teams an der Spitze hektisch gewechselt haben, wird auch Hans Stockbauer auf die Strecke geschickt. Durchs Bierzelt geht es raus aus dem Ort und direkt in den Anstieg.
Die Strecke in Kelheim muss man als ziemlich "hinterfotzig" beschreiben – Nichtbayern würden sie "gemein" nennen. Zuerst geht es eine Rampe hinauf, dann folgen zwei Serpentinen und wieder eine lange Rampe. Mehr
als 100 Höhenmeter am Stück, bevor es kurz zeitig abflacht. Gleich darauf ist man wieder am Klettern und immer noch nicht oben – erst nach einer Zwischenabfahrt geht es hinauf zur Bergwertung. Das ideale Gelände, um sich selbst zu überschätzen und zu früh Körner zu verschießen. Weil die Strecke aber danach lange bergab und lange flach geht, ist es entscheidend, eine gute Gruppe zu halten. An der Spitze wurde die erste Runde mit einem Schnitt von 44 km/h gefahren – bei 240 Höhenmetern auf den 16,4 Kilometern.

SKANDAL IM SPERRBEZIRK
Mit der schnellen Spitze kann das "Top Team der Mittelklasse" nicht mithalten. "Wir sind fünf Minuten schlechter als im Vorjahr", brummt Alfred Rausch und bereitet sich auf seine letzte Runde ohne Licht vor. Hauptsache, das Konkurrenzteam WOM zieht nicht davon. Die Bierbänke im Festzelt und die Tische der Cafés sind inzwischen bis auf wenige Plätze gefüllt. Touristen bestellen Fleischpflanzerl, die sie Frikadellen nennen, und rätseln, wie das Rennen wohl funktioniert: "Na, da werden wohl so zehn Leute im Team fahren – alleine fährt doch keiner 24 Stunden durch. ... Aber wie erkennen die, wer gerade Pause macht?"
Die Frage bleibt unbeantwortet, und wird dann von Tina Turner verdrängt. Mit zunehmender Dauer des Abends werden die Gespräche lauter und das Lachen schriller. DJ Tom Larusso setzt ein "Knallrotes Gummiboot" aus und zettelt dann mit der Spider Murphy Gang einen "Skandal im Sperrbezirk" an. Leichtbekleidete Radler pulsieren mit grellen Neonwesten und bunten Positionslichtern durchs Festzelt.
Aber nicht alle Radler schwitzen: Gerd und Raimund haben es sich inzwischen auf Campingliegen bequem gemacht und schlafen. Der leergeräumte Schulungsraum der Fahrschule dient ihnen als Nachtquartier bis zum nächsten Einsatz. Wo jetzt ihr Schnarchen von den Wänden hallt, werden ab Montag wieder Verkehrsregeln gepaukt. Die Fahrschule beherbergt seit Jahren wechselnde Teams und ist damit nicht alleine. Die Seminarräume der Kirche, eine Glaserei, das Standesamt, die Brauerei und viele Hinterhöfe verwandeln sich in Schlafstätten für einheimische Teams. Zusätzlich werden die Parkplätze der Stadt und der Alte Hafen zum Basislager für Wohnmobile und Campingzelte.
Während sich Radler noch schnell ein Gel reindrücken, werden auf der anderen Seite der Absperrgitter frisch gezapfte Weißbiere gereicht. Rund 60 Hektoliter Getränke werden rund um das Zelt ausgeschenkt – zum größten Teil Bier. Alfred Rausch ist noch nicht in Bierlaune und startet auf seine Nachtrunde. Gegenüber dem Team WOM liegt der Vorsprung bei wenigen Minuten, und den gilt es jetzt auszubauen. Nachdem er das grell erleuchtete Bierzelt verlassen hat, fährt Alfred über Kopfsteinpflaster durch das Stadttor in die dunkle Nacht. Da der rechte Teil der Straße gesperrt ist, sind vor ihm nur vereinzelte rote Rücklichter zu sehen. Ganz selten kommt ein Auto entgegen und blendet. Es folgen die zwei Serpentinen, begrenzt von dunklem Wald, der alles Licht zu schlucken scheint. Die weißen Lichter der schnellen Fahrer ziehen wie ein Strich den Stausacker Berg hinauf, andere Scheinwerfer tanzen, vom Wiegetritt gelenkt, wild von links nach rechts.

PARTY IM WALD
Die Dunkelheit der Nacht ist es, die aus dem Radrennen ein Abenteuer macht. Und Musik macht aus einem Fest eine Party. Für die Verbindung von beidem sorgen die Jungs rund um das Team "Passauer Wolf" und "Hadrian Ski Spreng-Kraft". Wie in den Jahren zuvor haben sie ein Dutzend Bierbänke, einen Verkaufsstand und Getränkekisten in den Wald gefahren, eine riesige Musikanlage aufgebaut und den Anstieg in eine Partyzone verwandelt. Selbst um ein Uhr nachts gibt es neben lauten Beats noch Anfeuerungsrufe von zwei Dutzend Zuschauern und langgezogene Signale aus der Tröte.
Die Musik rettet viele schwächelnde Fahrer durch die Nacht, und am nächsten Morgen geht es zünftig weiter. Während die Blasmusik im Bierzelt den Radlern die Müdigkeit aus den Knochen pustet, macht sich Anton Schäffer bereit. "Oa Runde hob i no", sagt er und schiebt sein Frühstück beiseite. Seine Gedanken sind jetzt nicht beim eigenen Rennen, sondern dem Kampf an der Spitze: Sechs Teams fahren auch nach 20 Stunden noch zusammen, ohne dass sich eines absetzen konnte. Anton fiebert besonders mit, weil sein Sohn Benedikt im Team Kreissparkasse um den Sieg mitkämpft.
Die Faszination des 24-Stunden-Rennens hat Anton nicht als Einziger an die nächste Generation weitergegeben. Bei seinem Teamkollegen Hans Stockbauer ist es die Tochter, die seit zwölf Jahren vom Kelheimer Rennvirus infiziert ist. Die Verbindung zwischen den Generationen stellen die wöchentlichen Trainingsausfahrten des RSC Kelheim her. Das 24-Stunden-Rennen ist eine gute Motivation für Trainingseifer und neues Material. Davon profitiert auch Renn-Erfinder Rudi Eberl, der als Erster einen Radladen im Ort eröffnet
hat. Inzwischen sind es drei Geschäfte. Wie wichtig das Rennen für die Region ist, erkennt man auf der Straße: "Vor dem Rennen sieht man alle auf der Strecke trainieren, in den Wochen danach ist es auf einen Schlag ruhiger", erzählt Eberl.

753 KILOMETER IN 24 STUNDEN
Über mehr als 900 Kilometer haben sich die Teams an der Spitze duelliert, aber am Ende läuft es trotzdem auf einen Zielsprint raus. Drei Fahrer konnten auf der vorletzten Runde am Berg entwischen, und die müssen jetzt einen Sprintsieger suchen. Weil das im engen Zielgelände nicht möglich ist, haben sie sich auf einen Sprint auf einer übersichtlichen Straße vor dem Ort geeinigt. Es siegt ein Team aus Österreich, die einheimischen Radler vom Team der Kreissparkasse Kelheim können ­einen stolzen zweiten Platz einfahren. Weniger spektakulär geht es beim "Top-Team der Mittelklasse" zu: Hans Stockbauer kommt nach seiner letzten Runde ins Ziel und wird von seinen Teamkollegen mit einem Weißbier begrüßt. 753 Kilometer sind sie gefahren, verteilt auf 46 Runden. Und, noch viel wichtiger: Das Konkurrenzteam WOM liegt deutlich dahinter. Das Top-Team der Mittelklasse ist seinem Namen gerecht geworden.
 

Fotostrecke: 24-Stunden-Rennen Kehlheim

Kristian Bauer am 28.09.2016
Kommentare zum Artikel