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Training: Bikefitting für Rennradfahrer

Bikefitting: Bequem sitzen und trotzdem schnell radeln

Robert Kühnen am 30.06.2017

Bequem sitzen und doch schnell fahren – geht das? Wir haben die Probe aufs Exempel gemacht und einen Sportler von vier Bikefittern vermessen lassen – mit überraschend unterschiedlichen Ergebnissen.

BIKEFITTING – was ist das?

Bikefitting bedeutet, das Rad an den Menschen anzupassen. Zuerst wird die ideale Fahrerposition ermittelt, konkret: die Lage der Hände, Füße und des Hintern – also der Kontaktpunkte mit dem Rad – im Raum. Steht die Position, wählt man den dafür passenden Rahmen und die ­Anbauteile. Nach der statischen Vermessung der Extremitäten folgt eine dynamische Vermessung und Beobachtung durch 2D- oder 3D-Videoanalyse und weitere Werkzeuge. Die Kosten für ein Fitting ­beginnen bei 5O und reichen bis über 4OO Euro.


KURZ & KNAPP

Die Positionen und ­Em­pfehlungen, die unser Sportler von den Fittern erhalten hat, variieren erheblich. Unser Schluss: Wer kein Problem hat, muss auch nicht zum ­Fitter. Bei Schmerzen kann sich die professionelle Hilfe aber lohnen, ebenso wie für denjenigen, der nach Effizienz strebt. Überzeugen konnten uns vor allem die Fitter, die die Qualität des Tritts begutachten und individuelle Trainingstipps parat haben.

Bikefitting

Schwache Muskeln? Nach der statischen Vermessung sieht Pascal Ketterer vom Radlabor an der Einbeinkniebeuge muskuläre Defizite des Radlers.


WELCHES FITTING BRAUCHE ICH?

Basis-Einstellung des Rades
Der Einstieg ins Bikefitting. Dabei ­sollen die Grundposition gefunden und Rahmengröße sowie Anbauteile empfohlen werden. Das kann auch ein ­guter Radhändler leisten.

Schmerzen abstellen
Je nach Komplexität wird es auf die Erfahrung und die Werkzeuge des Fitters ankommen, die Ursache zu finden und abzustellen. Manche Sachen sind naheliegend (siehe Tabelle auf Seite 64), andere nicht. Ein dynamisches Fitting mit Video – oder noch besser 3D-Datenerfassung – ermöglicht eine genaue Bewegungsanalyse und macht Fehlhaltungen objektiv sichtbar und vergleichbar. Wenn die Wahl des rich­tigen Sattels nachhaltig Probleme macht, sollte man einen Fitter aufsuchen, der viel Problemlöser-Sättel vor Ort hat und mit einer Druckmessfolie arbeitet, um Unterschiede zu belegen.

Tritt-Optimierung, Effizienz-Steigerung
Mehr Watt auf der Kette bei gleicher Anstrengung? Effizienteres Treten ­erfordert die Analyse der Tretkräfte ­ mit speziellen Messgeräten oder Power­metern.

Aero-Fitting
Für Wettkämpfer, die ernsthaft am Tempo arbeiten. Erfordert Tests auf der Radrennbahn, um unter kontrollierten Bedingungen die Tretleistung in Rela­tion zum Tempo zu erfassen. Einige Dienstleister bieten ein spezielles Aero-Fitting an.


WIE ERKENNE ICH EINEN GUTEN FITTER?

Fitter ist kein geschützter Begriff. Jeder kann sich so nennen. Deshalb sollte man auf die Referenzen, den Hintergrund und die Qualifikation eines Fitters blicken. Die Herkunft verrät etwas über den Schwerpunkt der Arbeit: Physiotherapeuten, Sportwissenschaftler, Radhändler und Orthopädietechniker – um einige typische Vorbildungen zu nennen – können sich zum Fitter qualifiziert haben. Bei hartnäckigen Problemen ist es ratsam, einen Fitter mit möglichst viel Erfahrung zu wählen – das dürften vor allem solche sein, die das Fitten hauptberuflich machen und nicht nur hin und wieder, wenn es gilt, ein Rad zu verkaufen.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich als Fitter zu qualifizieren. Fitter bieten Kurse für Fitter an; Hersteller schulen und qualifizieren intern (z. B. Specialized, Shimano). Die Ausbildung ist zudem ein Geschäftsmodell von Fitting-Tool-Herstellern. Ein typischer Kurs dauert zwei Tage pro Level und erfordert keine Vor-­Qualifikation. Die Zertifizierung ist demnach keine große Hürde.

SICI – Ausbildungssystem des Fitting-Urvaters Ben Serotta. 479 Fitter sind derzeit als zertifiziert gelistet, die meisten in den USA, zwei in Deutschland. Die Kurse dauern jeweils zwei Tage.
ISCO – International School of Cycling Optimization (betrieben von Gebiomized, Hersteller von Fitting-Tools, Maßsätteln und Einlagen). Drei­stufiges Zertifizierungverfahren; 520 Teilnehmer haben den Level 1 erreicht, davon 30 Prozent in deutschsprachigen Kursen, etwa zur Hälfte von Belgiern und Holländern belegt.
IBFI – Dachorganisation, die Fitter auf Anfrage zertifiziert. 4 Level; vergeben nach einem Punktesystem, das Ausbildung, Konferenzteilnahmen und ähnliches bewertet. Etwa 60 Fitter weltweit sind dort bislang organisiert.


TIPPS ZUR SELBSTHILFE

Sattelwahl
Taub im Schritt? Muss nicht sein. Es gibt sehr unterschiedliche Sattelformen. ­Ruhen Sie nicht, bis Sie ein passendes Modell gefunden haben, das Ihnen ­stabilen Halt gibt und nicht drückt. Manche Fitter (Foto: Radlabor) haben eine große Auswahl an Sätteln vorrätig.

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Welcher Sattel ist der richtige?

Training
Der Körper setzt die Limits Ihrer Sitzposi­tion. Investieren Sie in Kraft und Beweglichkeit, dann wird die Rennradposition viel komfortabler. Achten Sie auf Übungen, die den Körper asymmetrisch belasten, denn genau das passiert auf dem Rad.

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Training durch asymmetrische Belastung

Mut zum Experiment!
Besorgen Sie sich einen Verstellvorbau und spielen Sie damit auf der Rolle. So finden Sie heraus, was Ihnen und Ihrem Tritt gut tut. Wenn Sie mit der Position zufrieden sind, suchen Sie einen passenden Vorbau. Es gibt Längen von 60 bis 150 Millimeter und Winkel von -17 bis +17 Grad. 

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Vorbau verstellen


TOUR Titel 3/2017

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Robert Kühnen am 30.06.2017
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