Mentales Training für Rennrad-Wettkämpfe Mentales Training für Rennrad-Wettkämpfe

Mentales Training für Rennrad-Wettkämpfe

Reine Kopfsache: Mit mentalem Training zum Sieg

Tim Farin am 06.09.2016

Trainingsplan befolgt, Material perfekt? Und doch klappt’s nicht so richtig im Rennen? Schon mal über Mentaltraining nachgedacht? Hier steht, warum das schlau sein könnte ...

Watt, Kilo, Puls – wir messen und wiegen uns, um besser zu werden. Sport ist eine körperliche Angelegenheit, bei der die physische Leistung im Zentrum steht. Ist das so einfach? Nicht ganz. Siege, so heißt es schließlich, beginnen im Kopf. Gute Wettkampfsportler überzeugen nicht nur durch ihre körperlichen Werte, sondern gerade durch ihre mentale Stärke – eine Stärke, die sich ebenfalls gezielt trainieren lässt.

Coaching des Geistes, sportpsychologische Betreuung – lange war das im Straßenradsport zumindest öffentlich kein Thema. Doch es spricht sich herum, dass Mentaltraining wirkt. So arbeitet zum Beispiel Deutschlands Top-Sprinter André Greipel bei seinem Team seit vergangenem Jahr mit einem Psychologen. Es gebe viele gute Gründe dafür, sagt er: ein besserer Zielfokus, ein besseres Verarbeiten schwieriger Momente oder Phasen – und eine verbesserte Selbstwahrnehmung. Ergebnis: Greipel war der beste Sprinter 2015.

Auch Lisa Brennauer, 2014 Weltmeisterin im Straßenrennen, hat die Vorzüge eines Psycho-Coachings kennen- und schätzen gelernt. 2011 offenbarte sie sich erstmals einem Ex­perten. Der Grund: Brennauer hatte damals große Probleme, sich beim Punktefahren auf der Bahn zu verbessern: "Ich stand wie vor ­einem Berg, dessen Spitze ich nicht sehen konnte." Eine Überforderung, die sich manchmal anfühlte wie Angst. Hinzu kam, dass Brennauer die Enge im Pulk auf der Bahn "manchmal fast verrückt" machte. Sie ging zu einem Mentaltrainer – und schaffte es mit seiner Hilfe, die "Bremse" im Kopf zu lösen.

Mentales Training für Rennrad-Wettkämpfe

Profi Lisa Brennauer schätzt die Vorteile von Psycho-Coaching 

Starke Bilder im Kopf

Doch nicht nur die besonders schnellen Dis­ziplinen fordern die Psyche – auch und besonders auf Ultradistanzen ist der Kopf gefragt. "Das Mentale ist gleich wichtig wie das Körperliche", sagt Christoph Strasser, 2014 Sieger beim Race Across America und 24-Stunden-Straßenrekordhalter. Das gelte nicht nur im Rennen, sondern auch in der mitunter sehr langen Vorbereitung auf die Ereignisse. Für Strasser, der selbst Vorträge zum Thema hält, gehört deswegen eine Betreuung durch einen erfahrenen Mentaltrainer selbstverständlich zum Programm vor einem Wettbewerb.

Tausende werden fürs Material ausgegeben – aber ein Hunderter für einen Kurs in Entspannungs­techniken ist nicht drin!

Natürlich bringt Mentaltraining nicht nur Spitzensportler weiter, sondern auch Hobby­sportler – aber: "Ich bin immer wieder erstaunt", sagt etwa Thomas Jaklitsch, ausge­bildeter Sozialarbeiter und der Mentalcoach von Christoph Strasser. "Viele Radsportler geben Tausende fürs Material aus, aber ein Hunderter für einen VHS-Kurs in Entspannungstechniken ist nicht drin. Das ist unausgewogen." Dabei ließe sich im eigenen Kopf vieles beeinflussen, was hinterher auch auf dem Tacho stehen soll. "Das Problem am Radfahren ist, dass man sehr viel Zeit zum Denken hat und damit die Leistungsfähigkeit massiv beeinflussen kann", sagt Clemens Maria Mohr, Sportwissenschaftler mit sportpsychologischer Zusatzausbildung und Mental-Coach verschiedener Leistungssportler. Was wir in diesen Situationen bräuchten, sagt Mohr, seien starke Bilder im Kopf, die uns ­positiv stimmen.

Angst vor der Abfahrt?

In welchen Situationen das Hobbysportlern helfen kann? Man denke nur an: unerklärlich schlechte Beine, Unlust aufs Training, Krankheitssymptome, die pünktlich vor dem Marathon heraufziehen oder Zweifel nach drei Vierteln der Strecke, die einen manchmal gar zur Aufgabe zwingen. Oder Ängste vor der rasenden Abfahrt beim Rennen in den Bergen. All diese Probleme haben eines gemeinsam: Meist liegen ihre Ursprünge in der Seele des Sportlers. Ebendort lässt sich auch an ihrer Überwindung arbeiten. Allerdings erfordert dies ein diszipliniertes Training der mentalen Prozesse. Mit einem Besuch beim Psycho­logen ist nur der Anfang gemacht.

Mentales Training heißt eben nicht zufällig so, darauf weist die Sportpsychologin Babett Lobinger von der Deutschen Sporthochschule in Köln hin: "Es muss regelmäßig sein, ziel­gerichtet und auch im sportlichen Training eingeübt werden. Es sollte detailliert und individuell geplant werden." Das bedeutet: Man übt Methoden ein, um psychische Prozesse zu beeinflussen, man erlernt Strategien, um sich im Wettbewerb nicht durch negative Gedanken oder Gefühle zu hemmen. Ein akribisches Mentaltraining, sagt Lobingers Kollegin an der DSHS, die Triathletin Tanja Hohmann, erfordere auch eine akribische Analyse: Nach der Trainingsfahrt solle man seine Gedanken aufschreiben, damit sie einem ­bewusst werden. Später dann, etwa vor dem Einschlafen, solle man diese noch mal Revue passieren lassen und mit ihnen arbeiten. So können ungünstige Gedankengänge identifiziert und in positive Selbstgespräche umgewandelt werden.

Erfolgreiche Radsportler, sagt Thomas Jaklitsch, haben meist drei Qualitäten: Eine sehr starke Fokussierung auf das Ziel, eine stark gesteigerte Wahrnehmung und Sensibilität für psychische und körperliche Faktoren – und eine große Flexibilität, etwa im Umgang mit Rückschlägen. Obwohl sie sehr erfolgsbesessen sind, können sie dank ­ihrer mentalen Stärke auch mit Planänderungen leben. "Viele überragende Sportler können auch loslassen und sich einem Flow hingeben", sagt Jaklitsch. Flow-Sportler wüssten, dass sie nichts verlieren, sondern nur gewinnen könnten: "Spaß, Freude am Tun und einfach im Hier und Jetzt leben zu können", beobachtet Jaklitsch.

Der Flow ist der Gegenspieler zum knallharten Training, bei dem bewusst jeder Wert stetig kontrolliert wird. Doch um diesen gedankenlosen Zustand zu erreichen, braucht es vorher viel Arbeit an der Gedankenwelt, etwa an der Deutung, wie wichtig das Hobby Radsport im Verhältnis zu Beruf und Familie ist. Viele Radsportler geraten unter Stress, weil sie das Gefühl haben, nicht genug zu trainieren – aber auch nicht genug für die Familie da zu sein. Für Clemens Maria Mohr ist klar: Mit mentalem Training, ­einer positiven Herangehensweise und dadurch ermöglichter Kommunikation gelingt das besser. "Es geht immer darum, die richtige Balance zu finden."

Bessere Psyche – bessere Leistung

So lassen sich Ziele besser erreichen, wenn ein Sportler sie gemeinsam mit seinem Umfeld besprochen hat – wenn er etwa die Teilnahme am Ötztaler lange vorher in der Fa­milie thematisiert hat und deshalb nicht mit schlechtem ­Gewissen trainiert. Doch was sind überhaupt richtige ­Ziele? Auch diese Frage lässt sich mit mentalem Training besser beantworten. Allgemein gilt: Wer mit dem Radsport anfängt, sollte sich nicht überfordern. "Das Ziel ist das Ziel", lautet eine griffige Formel für die erste Teil­nahme an einer längeren Runde. Wer schon Erfolgs­erlebnisse gesammelt hat, darf und soll sich steigern – am besten aber nicht eine Platzierung im Verhältnis zu den anderen Teilnehmern anpeilen, sondern eher ein mess­bares Zeit-Ziel oder eine messbare Verbesserung gegenüber der letzten eigenen Leistung.

Mentales Training hilft den Athleten, ihre körperlichen Potenziale auszuschöpfen. Das gilt nicht nur, wenn es ­akute Probleme – wie Ängste oder Rückschläge – gibt, ­sondern auch allgemein: Wer mit seiner Psyche arbeitet, kann seine sportliche Leistungsfähigkeit verbessern. ­Einen positiven Nebeneffekt gibt es auch: "Viele Tools
aus dem mentalen Training lassen sich auch im Beruf ­anwenden", sagt Babett Lobinger.

Um richtig in das Thema einzusteigen und individuellere Rezepte zu finden, als sie die zahlreichen Bücher zum ­Thema bieten können, raten die Experten zu einer persönlichen Beratung. "Man kann keine pauschalen Empfehlungen geben, da jeder Mensch eine andere psychische Konstitution hat. Die passenden Maßnahmen finden wir daher nur im direkten Gespräch", sagt Sportpsychologin Lobinger. Qualifizierte Gesprächspartner findet man beispielsweise über die Expertendatenbank beim Bundes­institut für Sportwissenschaft oder beim Bundesverband der deutschen Psychologen. 

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Tim Farin am 06.09.2016
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