Fitness: Massagen für Radsportler Fitness: Massagen für Radsportler

Fitness: Massagen für Radsportler

Was bringen Massagen für Rennradfahrer?

Stefanie Weinberger am 15.08.2016

Massagen gehören seit jeher zum Radsport. Was sie bringen und welche Methoden es gibt, lesen Sie hier.

Radprofis kommen beinahe täglich in den Genuss einer Massage – zumindest nach Rennen. Und Hobbyfahrer? Eher selten. Am häufigsten lassen sie sich noch im Trainingslager massieren oder im Zielbereich von Wettkämpfen. Dort bilden sich dann stets lange Schlangen vor den Massage­bänken.

Verständlich, denn Massagen sind meist angenehm, beschleunigen die Regeneration,­ und sie wirken rundum positiv: Sie steigern die Durchblutung von Haut und Musku­latur, lösen Verspannungen und Verhärtungen, senken die Herz- und Atemfrequenz. Mit ihrer Hilfe werden Stoffwechselabbauprodukte, beispielsweise Milchsäure, schneller abtransportiert und das Immunsystem gestärkt. Versuche an ermüdeten Muskeln haben gezeigt: Wurden sie kurz nach der Belastung massiert, erhöhte sich ihre Leistungsfähigkeit um das bis zu Zweifache im Vergleich zu Muskeln, die sich ohne Massage erholen konnten.

Der Grund: Durch die Handarbeit des Masseurs vergrößert sich die Austausch­fläche zwischen Blut und Gewebe deutlich, was den Kreislauf und Stoffwechsel an den massierten Stellen beschleunigt. Der TOUR-Experte, Orthopäde und Osteopath Dr. Christian Merkl attestiert Massagen viel Gutes: sowohl eine regenerierende Wirkung nach ­Belastungen, als auch heilende Wirkung bei vielen ­Beschwerden wie Nackenverspannungen, Rückenschmerzen oder allen "nicht kompensierten, unaus­geglichenen Spannungszuständen im Körper", sagt ­Merkl. Diese könnten letztlich zu Krankheiten, Schmerzen oder Verletzungen führen. Leider werden Massagen nur noch selten auf Rezept verschrieben – meist wegen Kostenzwängen im Gesundheitssystem.

Klassisch oder exotisch?

Von einer guten Massage profitiert aber nicht nur der Körper, sondern auch der Geist: Sie macht ihn bereit für neue Leistungen. Gerade in Radteams fungiert der Masseur bekanntlich nebenbei als Kummerkasten und Psychologe, der nicht nur körperliche Knoten löst, ­sondern auch die im Kopf.

Gründe gäbe es also genug, Massagen einen festen Platz im Training jedes Hobbyradsportlers einzuräumen. Das findet auch die Physiotherapeutin und Heilprak­tikerin Melanie Paulacher aus Bad Aibling, die schon Rennfahrer der Profiteams NetApp bzw. Bora-Argon 18 bei der Tour de France begleitet hat: "Einmal pro ­Woche wäre zumindest während der Wettkampfsaison ideal, zweimal pro Monat auch noch in Ordnung." Bei marktüblichen Preisen von rund einem Euro pro ­Minute ist das allerdings eine echte Investition. Doch genauso, wie die Radkette geschmeidiger und reibungsärmer läuft, wenn sie regelmäßig gereinigt und ­geschmiert wird, verhält sich das auch mit Muskeln und ­Bindegewebe.

Doch selbst, wer bereit ist, Geld zu investieren, steht vor der Frage, welche Methode die beste für ­Radsportler ist. Tut es schon eine klassische Massage beziehungsweise Sportmassage, oder wären exotische Methoden wie Abhyanga oder Thai einen Versuch wert? Bei der Sportmassage handele es sich grundsätzlich um eine klassische Muskel­massage, erklärt Ute Merz vom Deutschen Verband für Physiotherapie; jeder Physiotherapeut erlerne während der Ausbildung erst einmal die grundlegenden Griffe.

Fitness: Massagen für Radsportler

So ein solider Griff in die Wade kann schon etwas unangenehm sein, bringt aber neue Spannkraft.

Was Sportler brauchen

In der Praxis entwickle jedoch jeder Masseur seinen eigenen Stil und "hat seine speziellen Vorkenntnisse, die mit einfließen", sagt Melanie Paulacher. Je mehr Erfahrung und Qualifikationen ein Masseur mitbringt, umso größer ist das Spektrum an Beschwerden, die er lindern kann. Viele ­Masseure sind zusätzlich ausgebildete Physio­therapeuten oder Heilpraktiker. Bei der ­Behandlung spielen schließlich auch alte Verletzungen oder orthopädische Probleme des Sportlers eine Rolle. "Darauf achte ich natürlich und weiß, dass ich manche Strukturen dann lieber schone oder anders an­gehe." Kevin Pfeifer, Physiotherapeut beim Team Giant-Alpecin, bestätigt: "Es gibt unendlich viele Techniken, aber die überlege ich mir nicht im einzelnen und beherrsche sicher auch nicht alle. Ich mache das, wovon ich das Gefühl habe, das braucht der Sportler gerade, das tut ihm gut." Welche Methode die richtige ist, hängt ­zudem von Zeitpunkt und ­Situation ab. Vor Rennen wird meist etwas kräftiger hin­gelangt, Massagen sind dann Teil des Aufwärm­programms und sollen den Muskeltonus erhöhen – vor allem an den Beinen.   

Nach dem Training sollte auch anderen Körperregionen Gutes getan werden, zum Beispiel dem Rücken: "Hier wende ich bei Radsportlern Techniken aus der manuellen Therapie zur Mobilisation und Aufrichtung  der Wirbelsäule an", erklärt Paulacher. Viel am Rücken arbeitet auch die auf Thai-Massagen spezialisierte  medizinische Masseurin und Wellnesstherapeutin Morvi Götz­inger, die in München unter anderem Radsportler und Triathleten behandelt: "Für die ist es aufgrund der ­starren Haltung auf dem Rad besonders wichtig, ­Steifigkeiten und Verkürzungen zu bearbeiten und vor­zubeugen." Dafür sei die Thai-Massage, die von den Gelenken statt den Muskeln ausgehe, besonders geeignet. Eigentlich sieht die mit Yoga verwandte Methode gar nicht so nach Massage aus: Man ­behält die Kleider an, wird nicht eingeölt und liegt nicht nur. Ein typischer Griff ist das lockernde Hochziehen der Arme nach hinten oben. "Hauptsache, es kommen andere Bewegungen als auf dem Rad rein", betont sie.

Auch mal sachte

Ist der Radsportler nach einem harten Rennen oder Training aber regelrecht ausgepumpt und tun ihm die Beine weh, wende Melanie Paulacher statt Massagen eher Methoden wie die Lymphdrainage an: "Damit beginne ich fast jede Massage, indem ich nur sachte über die Haut streiche." Dicht unter der Haut liegen die Lymphbahnen, in denen dann 80 Prozent mehr Flüssigkeit mit Stoffwechselprodukten in Bewegung komme. Auch Pfeifer setzt die Lymphdrainage gern am Anfang einer Massage ein, "besonders bei Schwellungen, Blutergüssen und zur Wundheilung – was aber oft sehr schmerzhaft ist". 

Apropos Schmerzen: "Wer länger als einen bis zwei Tage Schmerzen hat oder deutliche Bewegungseinschränkungen spürt, sollte vom Arzt abklären lassen, was dahintersteckt", sagt Ute Merz vom Physiotherapie-Verband. Dann dürfte Physiotherapie, die auch beweglicher machen und Gelenke mobilisieren kann, meist besser helfen als eine Massage. Allerdings muss der Arzt physiotherapeutische Maßnahmen verschreiben. Massagen können eine Behandlung dann oft begleiten.

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TOUR Transalp: Massage für müde Rennradbeine

Wenn aber kein Krankheitsbild vorliegt und es mehr um Regeneration, Wohlfühlen und Vorbeugung gegen Beschwerden geht, kann "die Massage ein sinnvoller ­Baustein im Gesamtkonzept von Trainings- und Wettkampfplanung sein". Welche Methode zu einem passt, ­findet man am besten selbst heraus: "Lassen Sie sich beraten und probieren Sie aus, was und wer Ihnen da am meisten bringt", empfiehlt Merz.

Und wenn gerade kein Massagetermin zu bekommen ist? Wenn die Warteschlange beim Radevent zu lang ist? Dann kann man sich mit ein paar Griffen auch mal selbst helfen und sich zumindest die Beine etwas ­lockern – oder besser noch: ein Partner macht das. ­Etabliert hat sich außerdem das "Ausrollen" mit Foamrollern wie der Blackroll, oder mit Hilfe kleiner Bälle, Walzen oder Plastikrollen. "Das gehört bei Profis zum festen Repertoire", erzählt Kevin Pfeifer. "Und uns ­erleichtert es die Arbeit, wenn sie sich selbst schon ‚vorgerollert‘ haben."

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Stefanie Weinberger am 15.08.2016
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