© Markus Greber

Cross-Training

In der Cross-Grundschule beim Deutschen Meister: Philipp Walsleben erklärt einem Debütanten, wie man sich richtig im Gelände bewegt.

Der Ausblick verspricht nichts Gutes: Über mir zieht eine Regenfront von Westen über den Naturpark Saar-Hunsrück. Zu meinen Füßen fällt eine steile Holztreppe ab – und um mich herum schlängelt sich wie eine riesige Würgeschlange ein Parcours durch matschige Wiesen und Steilhänge. Die braune Spur durch die einstige Kiesgrube, heute das begrünte Sportgelände der Stadt Sankt Wendel, markiert die Fahrlinie, auf der Ende Januar die Weltmeister im Querfeldeinfahren ermittelt werden. Aber ob diese Achterbahnfahrt die richtige Übungsstrecke für mein Cross-Debüt ist? Ist das Terrain nicht ein bisschen heftig für einen Anfängerkurs im Rennradfahren auf unbefestigtem Gelände? Der Anblick beseitigt die Zweifel nicht gerade.

Aber es gibt kein Zurück mehr. Jahr für Jahr, wenn der Herbst naht, sprechen einige Kollegen in den Redaktionskonferenzen begeistert von der Faszination Querfeldein und müssen sich vom Rest verspotten lassen, weil sie mit einem von der Moderne überholten Sportgerät durchs Gelände hoppeln wollen. Schließlich ist für die Fahrt im Gelände schon vor einiger Zeit das Mountainbike erfunden worden – mit dem Komfort von Scheibenbremsen, Federgabel und weich federndem Heck. Doch das bevorstehende Championat im Saarland ist die Gelegenheit, endlich einen Selbstversuch zu starten: Wie kommt ein ordentlich trainierter Straßenradler als Cross- Debütant auf dem WM-Kurs in Sankt Wendel zurecht? Angeleitet und kritisch beobachtet werde ich vom derzeit besten deutschen Spezialisten: Philipp Walsleben. Der 23-Jährige, der 2009 den WMTitel in der Klasse bis 23 Jahre gewann, ist extra an seinem freien Tag aus Belgien angereist und hat sich zur Testfahrt und Übungsstunde bereit erklärt.

Menschliches Stabilitätsprogramm

“Die Herausforderung beim Cross ist, dass das Rad – anders als auf der Straße – nicht einfach Grip hat; man muss kontrolliert rutschen”, erklärt Walsleben. Kontrolliert? Gerade einmal 35 Millimeter breit sind die Reifen an meinem Trainingsrad – nichts im Vergleich zu den breiten, grobstolligen Reifen am Mountainbike und doch zwei Millimeter mehr als die UCI für den Renneinsatz erlaubt. Und wegen des lange rückschrittlichen Radsport-Reglements sind an das handelsübliche Crossrad Bremsen aus der Frühzeit des Querfeldeinfahrens geschraubt: Die Cantilever-Stopper bringen kaum spürbare Verzögerung – kein Vergleich zur zupackenden Wirkung moderner Mountainbike-Scheibenbremsen. In Kurven driftet das Rad, in Steilabfahrten lässt sich das Tempo nur mühsam drosseln. Doch wenn der Profi mit blockiertem Hinterrad kontrolliert über die Wiese schleudert, erkennt man, dass ein guter Fahrer auch mit durchschnittlichem Material das Gelände spielerisch in den Griff bekommt. Dann gelingt mit Verstand und Feingefühl an der Bremse die menschliche Variante dessen, was in Autos als Stabilitätsprogramm aufwendig programmiert wird – wenn man’s kann.

Wie TOUR-Redakteur Andreas Kublik die Cross-Grudschule gemeistert hat, lesen Sie im PDF-Download inkl. Übungen und Trainingsplan.

Philipp Walsleben ist der derzeit beste deutsche Querfeldeinspezialist. Der 23-Jährige stammt aus der Cross-Schule des engagierten RSC Kleinmachnow vor den Toren Berlins. Er gewann zweimal den deutschen Meistertitel und war 2009 Welt- und Europameister in der Klasse bis 23 Jahre. Walsleben lebt im belgischen Herentals und fährt als Profi für das Team BKCP-Powerplus.
Philipp Walsleben ist der derzeit beste deutsche Querfeldeinspezialist. Der 23-Jährige stammt aus der Cross-Schule des engagierten RSC Kleinmachnow vor den Toren Berlins. Er gewann zweimal den deutschen Meistertitel und war 2009 Welt- und Europameister in der Klasse bis 23 Jahre. Walsleben lebt im belgischen Herentals und fährt als Profi für das Team BKCP-Powerplus.
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Text: Andreas Kublik Fotos: Markus Greber
12.12.2010

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