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Expertenrat

Muskelreduzierung nach Verletzung

Stefanie Weinberger am 09.05.2014

Nach einer verletzungsbedingten Pause ist meist die Muskelmasse eines Beines deutlich reduziert. Bei Belastung wird es schneller sauer. Sportwissenschaftler Sebastian Weber erklärt warum.

Frage von Thomas K.: Ich hatte vor zwei Monaten eine Knie-Operation und musste deshalb mit meinem Sportprogramm aussetzen. Dadurch hat sich am betroffenen Bein deutlich Muskelmasse verflüchtigt. Als ich jetzt wieder mit dem Rennrad bergauf fuhr, stellte ich fest, dass das gesunde Bein mit unveränderter Muskelmasse deutlich schneller "in die Säure" ging als das Bein mit Muskel­schwund. Das verblüfft mich! Ich dachte immer, dass mehr Muskeln auch länger belastbar sind als weniger Muskeln. 

Antwort von Sportwissenschaftler Sebastian Weber: Wenn Sie Ihr Sportprogramm für zwei Monate einstellen mussten, dann hat das gesunde Bein ebenso an Leistungsfähigkeit verloren – die Muskelmasse kann unmerklich etwas geringer ausfallen. Außerdem hat sich die Energie­verwertung der Muskeln während der Trainingspause verschlechtert: Sie sind nicht mehr so gut in der Lage, Sauerstoff für die Energie­gewinnung heranzuziehen – ihre sogenannte aerobe Leistungsfähigkeit nimmt ab. Der aus der Nahrung gewonnene Traubenzucker wird stattdessen ohne Sauerstoff (anaerob) über Milchsäuregärung abgebaut, wobei sich vermehrt Milchsäure (Laktat) in den Muskelzellen bildet. Weiterhin ist auch nicht auszuschließen, dass das gesunde Bein nun etwas mehr Arbeit übernimmt als das gerade frisch regenerierte Bein. Alles in allem trifft also mindestens die gleiche Belastung, tendenziell sogar eine ­höhere, auf ein weniger gut trainiertes Bein mit einer in Richtung Laktatbildung verschobenen Energiegewinnung. So ist es kein Wunder, dass Sie spüren, wie die Säure ins (vermeintlich) fittere Bein schießt.

Sebastian Weber

Sebastian Weber, Sportwissenschaftler und Trainer des Team Cannondale sowie von Radprofis wie Tony Martin und André Greipel. Er gründete das Trainingsberatungs-­Institut STAPS in Köln.

Stefanie Weinberger am 09.05.2014