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Experten-Interview rund ums Sportlerherz

Herzprobleme: Das müssen Hobby-Rennradfahrer beachten

Andreas Kublik, Konstantin Rohé am 21.06.2017

Herzprobleme sind im Profi-Radsport keine Seltenheit. Welche Risiken birgt der Radsport, und was sollte man als Hobbyfahrer beachten? Fragen an Herzspezialist Prof. Dr. Rüdiger Lange.

Ist die Zahl der Radprofis mit Herzproblemen nicht erschreckend groß?
Ich erschrecke da nicht. Die Belastungen der Profis sind extrem. Für ein gesundes Herz ist das machbar, aber die Sportler, die wegen Herzproblemen ihre Karriere beenden mussten, haben offensichtlich ein ganz anderes Problem. Man muss davon ausgehen, dass die genannten Fälle eine Vorschädigung haben – die Herzprobleme sind also genetisch bedingt. Erst bei Ausdauerathleten ab 40 Jahren kann man von durch Sport erworbenen Herzproblemen sprechen.

Angesichts der zahlreichen Herzprobleme bei Spitzensportlern fragen sich natürlich auch viele Hobbyfahrer, welchen Risiken das Herz beim Rennradfahren ­ausgesetzt ist?
Ein großer Risikofaktor, vor allem bei Spitzensportlern, ist die sogenannte Kardiomyopathie (Herzmuskelerkrankung, Anm. d. Red.). Das kann entweder eine Erweiterung des Herzens sein oder, noch viel gefährlicher, eine Verdickung des Herzmuskels. Das führt zu Herzrhythmusstörungen, die im plötzlichen Herztod enden können. Der Radsport ist in der sportmedizinischen Betrachtung ein Sonderfall, da er besonders große Muskeln beansprucht. Sie müssen mit enormen Mengen Sauerstoff versorgt werden. Bei Bergfahrten und Sprints steigt der Durchblutungsbedarf nochmals. ­ Das Herz muss dann mehr pumpen, ist also größerem Stress ausgesetzt. Für ein gesundes Herz kein Problem – aber viele Sportler bringen schon gewisse Vorschädigungen mit. Dann werden intensive Belastungen zum Problem.

Ist Ausdauersport nun gesund oder gefährlich für Herz und Kreislauf?
Ausdauersport ist ohne Zweifel die einzig sinnvolle Maßnahme zur Lebens­verlängerung. Ein durchtrainierter 60-Jähriger hat weniger Herzprobleme als ein untrainierter. Ernährungsum­stellung, Vitamine und alle anderen Fitness-Tipps sind relativ wirkungslos, der Ausdauersport allein hat grundsätzlich lebensverlängernde Wirkung. Alle ­Organe profitieren von Sportarten wie Langlauf, Jogging oder eben Radsport, nicht nur das Herz. Außerdem trägt ­Ausdauersport zu Muskelaufbau und Immunabwehr bei. Auspowern hat nicht zuletzt auch mental eine befreiende Wirkung. Die Belastungen, die professionelle Sportler erleben, haben allerdings nichts mit normalem Breitensport zu tun.

Prof. Dr. Rüdiger Lange

Prof. Dr. Rüdiger Lange, Direktor des Deutschen Herzzentrums München und selbst passionierter Radsportler

Heißt das, Breitensport ist gesund, professioneller ­Ausdauersport aber gefährlich?
Ausdauersport wirkt prinzipiell norma­lisierend auf den Blutdruck. Gefährlich ist, vor allem bei jüngeren Sportlern, eine Kombination aus sportlicher Belastung und genetischer Vorbelastung. Wenn Organe aber schon vorgeschädigt sind, dann halten sie die Belastungen des ­Profisports nicht aus. Das kann aber ­nur bei regelmäßigen Untersuchungen erkannt werden. Der häufigste Fall bei ambitionierten Athleten ist aber die ­antrainierte Herzmuskelentzündung. Sie kommt oft als Begleitung einer normalen Virus­erkrankung, die nicht ­richtig auskuriert wurde.

Das heißt, Sie empfehlen Fahrverbot bei Erkrankungen?
Es kommt auf die Symptome und ihre Ausprägung an. Die größte Gefahr besteht darin, nach einer Viruserkrankung zu früh wieder aufs Rad zu steigen. Eisern an Wattzahlen und Durchschnittsgeschwindigkeiten festzuhalten ist das Falscheste, was man machen kann. Dann wird es auch für gut trainierte ­ und erfahrene Fahrer schnell gefährlich. Intensität und Trainingsumfang sollten peu à peu gesteigert werden. Ein bisschen Schnupfen, das geht oft noch gut. Fieber und andere Viruserkrankungen bedeuten aber: Das Rad ist tabu.

Viele Rennradfahrer, vor allem Lizenzsportler und ­Profis, nehmen bei ­solchen Krankheiten Antibiotika, um Rennkalender ­oder Trainingszyklus nicht unterbrechen zu müssen.
Mit Antibiotika zu fahren ist unverantwortlich – und gegen Viruserkrankungen noch dazu nutzlos, da Antibiotika nur Bakterien bekämpfen, aber keine ­Viren. Entzündungshemmende Medi­kamente wie Aspirin und Ibuprofen, die Sportler auch oft konsumieren, beeinflussen das Herz hingegen nicht. Dennoch gilt natürlich der Grundsatz, dass Radfahren unter Medikamenteneinfluss nicht zu empfehlen ist.

Welche Rolle spielt Doping für das Herz?
Testosteron in niedrigen Dosen macht zumindest dem Herzen in der Regel nichts. Wachstumshormone, ein- oder zweimal im Jahr genommen, mögen ­Nebenwirkungen haben, aber die be­treffen nicht das Herz-Kreislauf-System. Etwas anderes sind Clenbuterol und Co.: Sie können den Herzmuskel nachhaltig schädigen. Das führt zu einer Stressreaktion des gesamten Körpers. Und anabole Steroide sind hochgefährlich: Schwere Herzschäden etwa bei Body­buildern sind ja hinlänglich bekannt. Die Nebenwirkungen von Doping sind allerdings nur schwer zu beurteilen, weil es dazu kaum belastbare Studien gibt.

Und wie sieht’s aus mit Radsport im Alter?
Ein durchtrainierter 60-Jähriger kann sicherlich viel mehr wegstecken als ein nicht trainierter Gleichaltriger. Man muss diese positive Wirkung von Ausdauersport im Alter nichtsdestotrotz ­differenziert betrachten. Deshalb sollten sich Ausdauersportler spätestens ab ­Mitte 40 regelmäßigen medizinischen Untersuchungen unterziehen. Allerdings kann man nur ganz grundlegende Herzfehler wie ein Loch in der Scheidewand mit einfachen Untersuchungen erkennen. Um hingegen Anomalien der Herzkranzarterien festzustellen, muss man schon eine computertomografische Untersuchung ­machen lassen.

Wie intensiv darf man sich im Alter überhaupt belasten, ohne dass das Herz Schaden nimmt?
Wer seit seiner Jugend Rennrad fährt, braucht sich in dieser Hinsicht keine ­Gedanken zu machen – er ist die Belastung ja gewohnt. Es sei denn, er entwickelt im Alter Erkrankungen. Die stehen dann aber nicht in Verbindung zum Sport. Wer hingegen erst im Alter mit dem ­Ausdauersport anfängt, sollte sich ­zwingend einem Medizin-Check unterziehen. Intensives Intervalltraining ist aber sicher keine Frage des Alters, ­sondern der Gesundheit – über Altersgrenzen hinweg. Ein höheres Infarkt­risiko kann man daraus nicht ableiten. Schließlich haben die meisten Menschen, die einen Herzinfarkt erleiden, nie in ihrem Leben Sport gemacht.


TOUR Titel 4/2017

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Andreas Kublik, Konstantin Rohé am 21.06.2017
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