Test 2016: Regenjacken für Rennradfahrer Test 2016: Regenjacken für Rennradfahrer

Test 2016: Regenjacken für Rennradfahrer

28 Regenjacken für Rennradfahrer und -innen im Test

Matthias Borchers am 29.03.2016

Mit einer kleinen textiltechnischen Revolution fordert Gores neue Regenjacke die Konkurrenz heraus: Wie schlägt sich das neue 100-Gramm-Leichtgewicht im Vergleich? 28 Jacken für Sie und Ihn im Test.

Man kann es sich heutzutage kaum mehr vorstellen: Bis Mitte der 1980er-Jahre gab es keine Funktionsbekleidung für Radsportler, geschweige denn einen funktionalen Regenschutz. Stellt man altgedienten Radsportlern die Frage, womit sie sich vor 30 Jahren vor Regen, Wind und Kälte geschützt haben, scheint die Erinnerung bei vielen wie aus dem Gedächtnis gelöscht zu sein – begleitet von einem leidvollen Gesichtsausdruck. Wer sich noch erinnern will, vergleicht damals verfügbare Regenjacken mit unförmigen Plastiksäcken oder wasserdichtem Ölzeug, wie es beispielsweise bei Hochseefischern zur damaligen Zeit üblich war. So ein kurzer "Ostfriesennerz" hielt zwar dem Regen stand, ließ jedoch den Schweiß nicht raus, weshalb Generationen von Radsportlern bei jeder Ausfahrt erst im eigenen Saft schmoren mussten, um anschließend auszukühlen und fast zu erfrieren.

Die erste bekleidungstechnisch relevante ­Revolution fand 1985 statt. Drei radsport­begeisterte Ingenieure von W. L. Gore waren nämlich zu jener Zeit bei jedem Wetter im bayerischen Voralpenland unterwegs und dachten sich wahrscheinlich nach jeder ­Regenfahrt, genervt von flatterigen Plastikhüllen, unter denen sie schwitzten wie verrückt: Das kann’s nicht sein! Also entwickelten sie auf der Basis der Gore-Tex-Membran, die seit Mitte der 70er-Jahre auch für Be­klei­dung verwendet wurde, eine wasserdichte, atmungsaktive Regenjacke, speziell für die Anforderungen des Rennradfahrens: mit kurzer Frontpartie und verlängertem Rücken, einem der Haltung angepassten Schnitt und elastischem Bund, um das Hochrutschen der Jacke zu verhindern. Weitere Details, wie der enge und hochgeschlossene Kragen oder die in der Weite einstellbaren Ärmelbünde, belegten die Radsport-Kompetenz der drei Ingenieure und machten die Jacke vom Start weg zum Erfolgsprodukt. Sie hieß "Giro", bildete den Grundstein für die Gründung der Marke Gore Bike Wear und diente als Vorlage für die meisten Radjacken anderer Marken.

Fotostrecke: Test 2016: Regenjacken für Rennradfahrer

Die Testergebnisse dieser Regenjacken finden Sie unten als PDF-Download:

DAMEN:
• 7Mesh RE:GEN Jacket
• Adidas Infinity Jacket Woman
• Bontrager Woman Race Stormshell Jacket
• Gore Power Lady GT AS Jacket
• Löffler Damen Bike Jacke GTX
• Mavic Ksyrium Elite H20
• Odlo Typhoon Jacket
• Pearl Izumi Women EliteWXB Jacket
• Poc Avip Women Rain Jacket (TOUR Testsieger)
• Rapha Women's Rain Jacket
• Sportful Hotpack Norain W JKT
• Vaude Women Sky Fly Jacket II

HERREN:
• 7Mesh RE:GEN Jacket
• Adidas Infinity Jacket
• Bontrager Men's Stormshell Jacket
• Castelli Tempesta Race Jacket
• Craft Active Extreme
• Endura FS-260-Pro SL
• Etxeondo Capa Gore-Tex
• Gore One GTX Active Bike Jacket (TOUR Testsieger)
• Löffler Herren Bike Jacke GTX
• Pearl Izumi Elite WXB Jacket
• Poc Avip Rain Jacket
• Rapha Pro Team Race
• Santini Guard II Jacket
• Sportful Survival Gore Jacket
• Sugoi RSE Neoshell Jacket
• Vaude Men's Sky Fly Jacket II
 

Schutz ohne Außenhaut?

Mit der Präsentation seiner neuesten Regenjacke rüttelt das Unter­nehmen aus dem bayerischen Feldkirchen nun am bewährten Drei-Lagen-Prinzip. Die grau-schwarz schimmernde Jacke ­besteht nämlich nur noch aus der wasserdichten und dampfdurchlässigen Membran und kommt ohne schützende Textil-Außenhaut aus. Theoretischer Vorteil: Was nicht da ist, kann sich auch nicht mit Wasser vollsaugen; die Regentropfen perlen sofort ab, dem schnellen Auskühlen wird vorgebeugt. Das Weglassen der äußeren Schicht senkt das Gewicht bei Größe M auf rekordverdächtige 106 Gramm – trotz gefüttertem Kragen und zusätzlicher Reißverschluss­tasche an der Taille.

Die spannende Frage lautet nun: Übertrumpft Gores neues Top-Modell zum Preis von 280 Euro die bewährten, mehrlagigen ­Jacken der Konkurrenz? Neben Gore Bike Wear sind 17 weitere Firmen unserer Testeinladung gefolgt, zehn davon mit je einem Damen- und Herrenmodell. Die günstigste Herrenjacke im Test kostet 110 Euro (Adidas Infinity), die teuerste (Sugoi RSE Neoshell) dreimal so viel. Bei den Damenjacken beginnt das Spektrum bei 85 Euro (Sportful Hotpack) und reicht bis zu 339 Euro für die "RE:GEN"-Jacke von 7Mesh.

Getestet haben wir die Überzieher in den Kategorien Passform, Regenschutz, Tragekomfort, Aus­stattung/Handling und Packmaß. Die Praxisnoten für Passform, Tragekomfort und Handling ­haben wir mit jeweils zwei Tes­terinnen (S und M) und Testern (Größe M und L) im direkten Vergleich ermittelt und alle ­Ergebnisse und Eindrücke in Noten übersetzt.

Wichtig: das Tragegefühl

Die Haupteigenschaften Wasserdichtigkeit und das Abperlen von Tropfen erfüllen die meisten ­Jacken ohne Kritikpunkte. Feststellbar waren jedoch kleinere Naht-Undichtigkeiten bei Adidas, Castelli und Endura. Mehr oder weniger ausgeprägt ist das Phänomen, dass Wassertropfen nach dem Waschen von der Außenhaut weniger gut abperlen als im Neuzustand. Zu beobachten bei Marken wie Castelli, Rapha oder 7Mesh. Deutlich stärker differieren sie bei Passform, Tragekomfort und Handhabung in der Praxis. Der schwedischen Marke POC gelingt es, das Herren- wie das Damen­modell passgenau auf den Körper in Rennradhaltung zu schneidern. Einstimmig ­positiv fiel hier das Urteil zum Tragegefühl auf nackter, schwitziger Haut aus. Bei den Infinity-Jacken von Adidas fiel der Schnitt der Damenjacke im Urteil der Testerinnen deutlich schlechter aus als beim Herren­modell.

Bei Pearl Izumi und Santini gab es Lob für den Schnitt und gleichzeitig Kritik für den Tragekomfort; die Testerinnen und Tester konnten sich nicht mit dem etwas gummiartigen Gefühl anfreunden, welches das Futter auf der Haut hinterlässt – ins­besondere, wenn die ersten Schweißtropfen rinnen. In diesem Punkt ­urteilten unsere Testerinnen im Vergleich zu den männlichen Testern ­übrigens kritischer. Nur bei der Hälfte der Jacken bewerteten sie den Tragekomfort ­besser als mit der Note drei. Wenig Flatter- und Raschelgeräusche verursachen die ­Männerjacken von Bontrager, Castelli und Craft, sowie die Frauenjacken von Gore, Odlo und POC. Dagegen knattern die Sportful und 7Mesh-Jacken sowie das Damen­modell von Mavic auf rasanten Abfahrten deutlich vernehmbar.

One not for all

Gores neues Top-Modell erntete im direkten Vergleich sehr viel Lob und erreicht mit ­minimalem Vorsprung vor Craft, Endura und Poc den Sieg in der Herrenkonkurrenz. Sie bietet besten Regenschutz, überzeugt mit hohem Tragekomfort, wiegt fast nichts und macht sich in der Trikottasche winzig klein. Nachteile des Minimalismus sind die vergleichsweise kurze Rückenpartie und eine spartanische Ausstattung, die beispielsweise auf Rückentaschen oder eine rutschhemmende Gummierung am Bund verzichtet. Auch ein speziell für Frauen geschnittenes Modell gibt es derzeit nicht. Vorerst ist die Jacke auch nur in einer auf 1.000 Exemplare limitierten Edition verfügbar.

TOUR Titel 3/2016

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Matthias Borchers am 29.03.2016
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